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Mehr Selbstbewusstsein, bitte!

27. Oktober 2017
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Kürzlich bin ich über eine Info-Grafik gestolpert. Nicht, dass ich es nicht gewusst oder zumindest geahnt hätte. Aber der Balken war so eindrucksvoll dick und so unglaublich lang, dass er meine ganze Aufmerksamkeit fesselte. Der Balken zeigte den Anteil der Industrie an der gesamten Wirtschaftsleistung in Baden-Württemberg. Er war der mit Abstand längste – von allen Bundesländern. Bemerkenswert auch, dass der nordrhein-westfälische Balken erheblich kürzer war. Dabei ist NRW ein Bundesland, das immer noch mit gewaltigen Fabrikanlagen und rauchenden Schloten assoziiert wird.

Der hohe Industrialisierungsgrad Baden-Württembergs ist Fluch und Segen zugleich. In der Vergangenheit hat er maßgeblich den Wohlstand gemehrt. Er birgt indes auch Risiken, denkt man nur an die hohe Abhängigkeit von der Automobilindustrie. Auch für den Tourismus ist er bisweilen eine Bürde. Denn dass auch dieser Wirtschaftszweig Arbeitsplätze schafft und Wertschöpfung generiert, ist im Bewusstsein vieler Menschen hierzulande, auch von Funktionsträgern, noch nicht hinreichend verankert. Die Bayern definieren den Tourismus selbstbewusst als Leitökonomie und begreifen ihn als „identitätsstiftend“. So jedenfalls steht es in einem Papier der Staatsregierung. Davon sind wir in Baden-Württemberg noch weit entfernt, obwohl klassische Urlaubsdestinationen wie der Schwarzwald oder der Bodensee im Ranking deutscher Reiseziele, bewertet nach Bekanntheit und Beliebtheit, regelmäßig ganz weit vorne landen.

Das hat verschiedene Gründe. Macht und Wertschöpfung der gewerblichen Wirtschaft sind deutlich höher, damit ist es auch der Einfluss auf die Politik. Selbst in ländlich geprägten Regionen sind die Werkzeugmaschinenbauer oder andere Weltmarktführer häufig die verlockenderen, weil besser bezahlenden Arbeitgeber. Und möglichweise steht uns auch so etwas wie die Mentalität im Weg: In Baden-Württemberg schafft man halt lieber, als dass man zu viel genießt.

Was also können wir, die wir im und für den Tourismus tätig sind, tun? Zunächst: penetrant unsere Forderungen und Wünsche formulieren. Und: das Bewusstsein schärfen helfen. Zum Beispiel dafür, dass hier lebende Menschen und Gäste von derselben Infrastruktur, von demselben Freizeitangebot, von derselben Lebens- und Wohlfühl-Realität profitieren. Oder indem wir daran erinnern, dass auch Geschäftsreisende und Fachkräfte Menschen mit Wünschen und Ansprüchen sind, die nicht an der Werkbank oder in einem lieblosen Besprechungsraum enden.  Schließlich: Selbstbewusstsein demonstrieren als Branche, als Wirtschaftskraft, als gesellschaftlich relevanter Faktor. Wir sind Tourismus! Da können wir von den Bayern oder den Tirolern einiges lernen.

Und selbst wenn es im ersten Moment erstaunlich klingen mag: Auch von Nordrhein-Westfalen können wir lernen. Das bevölkerungsreichste Bundesland war nie ein Sehnsuchtsziel. Dennoch – oder gerade deswegen – wurden in den vergangenen sechs, acht Jahren viele Weichen richtig gestellt. Touristische Infrastruktur und Marketing wurden mit großem, auch finanziellem Engagement ausgebaut. Es hat sich gelohnt. NRW befindet sich touristisch auf Erfolgskurs. Womöglich konnte das einstige Schwerindustrieland gar nicht anders, als die Weichen neu zu stellen und den Turnaround einzuleiten. Aber können wir im Süden so sicher sein, dass wir dereinst nicht auch vor dieser Aufgabe stehen?

 

Braun bloggt – Andreas Braun schreibt an dieser Stelle über Fragen rund um den Tourismus. Es sind Einwürfe und Gedanken. Reaktionen sind erwünscht, auch Widerspruch. Das Ziel: ein fruchtbarer Diskurs über unsere Branche und darüber, was uns umtreibt.


Autor(in): Andreas Braun
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Geschäftsführer
E-Mail: a.braun@tourismus-bw.de
Telefon: +49 (0)711 / 23858-20
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2 Kommentare

Kommentare




  1. Andrea Löwl sagt:

    Leider in einigen touristischen Orten ein Thema – dass sich die Menschen nicht mitgenommen fühlen oder den Tourismus ablehnen, vermutlich ohne sich bewußt zu sein, was der Tourismus ihrem Ort/ihrer Region als Lebensqualität schenkt. Es wäre daher schön, wenn das Thema „Wertschätzung der touristischen Wertschöpfung“ auch mal landesweit ein Thema wird, denn eine landesweite Kampagne dazu würde garantiert mehr Aufmerksamkeit bekommen, als wenn sich nur einzelne Regionen oder Orte diesem Thema annehmen möchten.

  2. Da kann ich nur zustimmen. Allerdings müssen wir dazu ein ziemlich dickes Brett bohren – alle miteinander.

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