Übertourismus

13. November 2017

Ein Wort ist dieses Jahr in Mode gekommen: Overtourism, zu viel Tourismus. Wir sehen wogende Menschenmassen, überdimensionale Kreuzfahrtschiffe und Demonstrationen von mit Schildern bewehrten Einheimischen.

Mallorca war monatelang Thema in den Medien, Amsterdam hat erste Restriktionen erlassen, und selbst in Berlin betreibt man bereits Krisenbewältigung – zumindest in bestimmten Stadtvierteln. Nur in Barcelona hat sich das Problem fürs erste anders reguliert: Wegen des hitzigen Konflikts zwischen katalanischen Separatisten und spanischer Zentralregierung hat sich die Lust der Gäste auf die Stadt Gaudis zunächst einmal abgekühlt.

Besonders krass: Venedig. Die Serenissima, ohnehin dem Tode geweiht durch den steigenden Wasserspiegel, verkommt zur Kulisse und wird zugleich Opfer einer Vermarktung, welche die Bürgerinnen und Bürger aus ihrer Heimat vertreibt. Soziale Nachhaltigkeit, die ein gedeihliches Miteinander von  Gastgebern und Gästen garantierte: Fehlanzeige. In manchen Destinationen ist sogar die auskömmliche Existenz der Einheimischen gefährdet. Mit ihren niedrigen Löhnen können sie sich den eigenen Wohnraum nicht mehr leisten, ist er doch zum Objekt von Immobilienspekulanten und Ferienwohnungsanbietern geworden.

Glückliches Baden-Württemberg, mag man da sagen, derartige Exzesse kennen wir schließlich nicht. Das freilich ist nicht die ganze Wahrheit. Einerseits gibt es das Phänomen schon lange, zum Beispiel wenn ganze Busladungen einen schnuckeligen Weihnachtsmarkt fluten. Andererseits lassen sich auch im Süden einige latent konfliktträchtige Orte lokalisieren. Zum Beispiel Heidelberg an bestimmten Tagen und zu bestimmten Zeiten. Oder Konstanz, wo auf den Straßen der Altstadt bisweilen gar nichts mehr geht und die Liebe zu den Schweizer Nachbarn gelegentlich auf die Probe gestellt wird.

Was ist zu tun? Zuerst müssen wir den Tourismus erklären, immer und immer wieder. Was er den Einheimischen bringt, welche positiven Effekte er auslöst. Wie er zu Wertschöpfung und Beschäftigung beiträgt. Was er für den kulturellen Austausch bedeutet. Doch es gibt auch eine Verantwortung. Touristische Infrastrukturprojekte bedürfen einer nachvollziehbaren Begründung. Als Leitfaden mögen dabei Kriterien der ökonomischen, sozialen, ökologischen und kulturellen Nachhaltigkeit dienen.

Immer wieder kommt es zu überraschenden Entscheidungen. In Konstanz lehnten die Bürgerinnen und Bürger vor Jahren ein schickes Konzert- und Kongresshaus ab, im Landkreis Göppingen einen Baumwipfelpfad. Oft steht bei solcherart strittigen Objekten die Sorge vor zu vielen Menschen, vor (fremden) Gästen, vor Verkehrsbelastungen im Vordergrund. Patentlösungen gibt es leider nicht. Die Devise muss heißen: informieren, erklären, begründen. Die Bürgerinnen und Bürger müssen so früh wie nur möglich abgeholt und mitgenommen werden.  Und noch einmal: informieren, erklären, begründen. Alles mühsam und ohne Garantie auf Erfolg. Aber sogar Airbnb beschreitet neuerdings hier und dort diesen Weg, geht auf Kieze und Quartiere zu, sucht mit der Stadtverwaltung nach gemeinsamen Lösungen. Man wird sehen, wie ehrlich und verlässlich dieser Sinneswandel ist.

Und dann ist da noch das Instrument der Besucherlenkung. Es kann im besten Fall Gästen und Einheimischen zu mehr Zufriedenheit verhelfen. In Berlin beispielsweise werden ausgeklügelte Konzepte erarbeitet, wie man Gäste von den Hotspots weg zu neuen Geheimtipps hinführen kann. Ein anderes Beispiel ist der Nationalpark Schwarzwald. Gäste sind willkommen, schließlich soll der Naturschutz gezeigt, vermittelt und erlebt werden. Gleichzeitig muss ebendiese Natur geschützt werden. Eine Herausforderung, aber kein unlösbares Problem.

 

Braun bloggt – Andreas Braun schreibt an dieser Stelle über Fragen rund um den Tourismus. Es sind Einwürfe und Gedanken. Reaktionen sind erwünscht, auch Widerspruch. Das Ziel: ein fruchtbarer Diskurs über unsere Branche und darüber, was uns umtreibt.


Autor(in): Andreas Braun
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Geschäftsführer
E-Mail: a.braun@tourismus-bw.de
Telefon: +49 (0)711 / 23858-20
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2 Kommentare

Kommentare




  1. Die Entwicklung des Übertourismus – oder früher “Der Aufstand der Bereisten” zeichnet sich schon lange ab.
    “Die Ferienmenschen” von Jost Krippendorf (1986) oder “Fluchthelfer Tourismus: Wärme in der Ferne?” von Ueli Mäder (1982) geben Denkanstöße zu diesem Thema.

  2. Eine sehr gute Analyse. Herzlichen Dank!

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