Alexa kann nicht alles

19. Dezember 2017
Aktuelle Informationen zum Coronavirus (SARS-CoV-2) finden Sie hier.

Alexa sagt uns, wohin wir in Urlaub fahren. Und an der Hotelrezeption empfängt uns Alex, der sprechende Roboter. Alexa also, vollgestopft mit künstlicher Intelligenz und relevanten Informationen. Und das Pendant Alex, ausgestattet mit sanfter Stimme und den passenden   adäquaten Emotionen. Nichts (mehr) ist unmöglich. Wollen wir das?

Für die einen mag es die Erfüllung kühnster Sehnsüchte sein, für die anderen ist es eher eine Horrorvorstellung. Die rasanten Fortschritte der Digitalisierung machen vielen Menschen Angst. Denn es gibt nicht wenige Branchen und Arbeitsplätze, wo der Mensch alsbald ersetzlich zu werden droht. Derart disruptive – man könnte auch formulieren: revolutionäre – Veränderungen, scheuchen die Gesellschaft auf. Und sie finden in jüngster Zeit ein immer breiteres Echo im sozialpolitischen Diskurs.

Dabei wird häufig übersehen, dass gerade der Tourismus schon lange mit an der Spitze der Entwicklung steht. Er ist sogar einer der Vorreiter der Digitalisierung. So zählten zum Beispiel die bereits im vergangenen Jahrhundert entstandenen globalen Reservierungssysteme zu den ersten elektronischen Distributionsplattformen. Ebenfalls schon im vergangenen Jahrhundert konnten Reisebüros für ihre Kunden das Angebot an Flügen, Unterkünften oder Mietwagen vergleichen und buchen. Mittlerweile machen  vielfach Internet-Reiseportale diesen Job. Suchmaschinen, Bewertungs- und Sharingportale laden gleichfalls zur Selbstbedienung ein und treiben den Automatisierungsgrad im Tourismus weiter voran. Kein Zweifel: Der Tourismus ist auch Pionier im Online-Marketing.

Die Innovationen folgen schnell aufeinander. Die Arbeitsprozesse verändern sich zum Teil grundlegend. Und der Strukturwandel vollzieht sich in großen Schritten. Ein Beispiel: Es ist noch keine zehn Jahre her, dass Destinationsmarketing- oder Landesmarketing-Organisationen glaubten, selbstständig den Vertrieb organisieren und sich in erster Linie um die Buchbarkeit von Angeboten kümmern zu müssen. Darüber mag man heute müde lächeln oder wahlweise staunen. Denn international operierende Plattformen machen das, technologisch hoch gerüstet, weitaus besser und effektiver. Inzwischen heißt die Devise: Wenigstens der Content ist unser! Doch wie lange? Und stimmt das überhaupt generell? Sicher ist momentan nur eine Erkenntnis: Dass wir Touristiker uns fortwährend weiterbilden und ständig etwas Neues lernen sollten – um nicht überholt zu werden oder stehen zu bleiben.

Doch gemach! Neben dieser – ehrlich gesagt – Binsenweisheit gibt es nämlich noch eine Wahrheit. Reisen und Urlaub, das hat mit Träumen und Sehnsüchten, mit Emotionen und sogar Unwägbarkeiten zu tun. Darüber hinaus mit Inspiration, seelischer Verfassung und situativer Stimmung. Glücklicherweise wollen Menschen auch noch reisen, um zu entdecken, um sich überraschen zu lassen, um sich auf etwas Unbekanntes, Fremdes, Neues einzulassen. Nicht jede kundenrelevante Information führt automatisch zum Ziel bzw. in die Destination. Denn auch das ist gewiss, solange Menschen reisen: Analog und Digital werden einander weiterhin in Koexistenz verbunden bleiben – über die gesamte Customer Journey hinweg bis hin zur konkreten Ausgestaltung des Urlaubs.

Sprachanwendungen wie Chatbots, Künstliche Intelligenz und Robotik-Systeme werden natürlich (auch) im Tourismus verstärkt Einzug halten und Anwendung finden. Man denke nur an das große Segment von Geschäftsreisen, Tagungen und Meetings. Dort ist schon in naher Zukunft manche Vereinfachung und Systematisierung auf der Grundlage technologischer Innovationen nicht nur vorstellbar, sondern auch nützlich und kostensparend. Auf der anderen Seite bleiben die Hotelleistung, das Naturerlebnis, die Sehenswürdigkeiten, die Landschaft, ja, und die Menschen, denen wir begegnen, analog.

Analog bleiben übrigens auch wir Touristiker. Und wer mal den Blick in die Glaskugel wagt, wird rasch feststellen: Das Geschäft geht uns im Jahr 2018 und mutmaßlich auch in den Folgejahren nicht aus!

Braun bloggt – Andreas Braun schreibt an dieser Stelle über Fragen rund um den Tourismus. Es sind Einwürfe und Gedanken. Reaktionen sind erwünscht, auch Widerspruch. Das Ziel: ein fruchtbarer Diskurs über unsere Branche und darüber, was uns umtreibt.


Autor(in): Andreas Braun
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Geschäftsführer
E-Mail: a.braun@tourismus-bw.de
Telefon: +49 (0)711 / 23858-20
Kommentarbereich einblenden Kommentarbereich ausblenden

Ein Kommentar

Kommentare




  1. Der deutsche Weg “Bedenken first, digital second” ist auch nicht mehr meiner. Digitalisierung? Her damit! Spannend was da alles möglich ist und das für sich selbst zu entdecken und zu nutzen. Ein eigentlich nur nebensächlicher Anstrich, den ich in einem ITB-Vortrag aufgeschnappt habe, trifft es ziemlich gut: Accept Change.
    Aber: In puncto Bedenken second hatte ich meinen Schlüsselmoment bereits auf der DZT-Mitgliederversammlung 2016. Nachdem es zunächst Professor Bauer bestens gelang die Ahnung von den Möglichkeiten der wichtigsten technologischen Zukunftstrends groß und mächtig zu machen, diskutierten einige LMO Geschäftsführer ihre Herangehensweise und ihre Umsetzung der Digitalisierung im eigenen Unternehmen. Der Schlüsselmoment: Nachdem einer der altersmäßig völlig unverdächtigen Mitdiskutierenden seine Schilderung der Digitalisierungsumsetzung abgeschlossen hatte, brachte er noch eine Ergänzung, die bei vielen merklich unter die Haut ging: “Ganz ehrlich: Persönlich will ich das gar nicht. Ich möchte nicht, dass meine Söhne…”
    Den genauen Wortlaut bekomme ich jetzt nicht mehr zusammen, aber im Prinzip sprach er das aus, was viele in dem Moment dachten.
    So und jetzt kommen wir zu Bedenken second. Noch wird alles gemacht was möglich ist, ob sinnvoll oder nicht, ist völlig unwichtig. Professor Bauer brachte das Beispiel, dass in Japan oder sonstwo gerade diskutiert wird, ob Roboter wie Menschen aussehen sollen oder ob sie als Roboter erkennbar bleiben sollen. Ich finde, selbstverständlich sollten sie erkennbar bleiben. Werden sie das? Who knows? Es ist Zeit für eine Ethik-Kommission oder etwas ähnliches, meinetwegen auch ein völlig anderes, globales, Social-Media-basiertes Modell. Es muss darüber diskutiert werden, was sinnvoll ist und wo man zumindest das Tempo etwas bremsen muss oder wo zunächst mal nur ausprobiert wird.
    Stark in mich hinein grinsen musste ich kürzlich beim Anblick des Rezeptionisten eines Hotels in Wien beim Auschecken. Da saß jedes Haar wie in Beton gegossen, eine perfekte Symmetrie im Gesicht und am ganzen Körper, die Kleidung – geil und perfekter Sitz. Unvermittelt dachte ich: Noch kannst du dir sicher sein, dass der Kerl echt ist, in 15 Jahren wird das anders sein :-).

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Teilen über:

Weitere Artikel

Ähnliche Artikel



Impressum  ·   Datenschutzerklärung  ·   Login