30. Juli 2018

Die Spezies Tourist

Das Wort Tourismus scheint hinreichend neutral zu sein. Der Tourist dagegen muss momentan wieder einmal einiges über sich ergehen lassen. Nicht, dass dieses Phänomen unbekannt wäre. Schon im 19. Jahrhundert rümpften manche Adlige die Nase ob des bürgerlichen „Massenansturms“. Zuletzt hat die Debatte um einige besonders belastete Destinationen den Streit angeheizt. Das Wort Tourist löst eine Menge von Bildern und Assoziationen aus, die nicht immer sonderlich liebreizend sind.

Die Schlagzeilen der letzten Monate haben Spuren hinterlassen. Manche Städte und Regionen in Europa erlassen Restriktionen, möchten die Zahl der Touristen am liebsten beschränken (Obergrenze!) oder sich nur diejenigen herauspicken, die zwar weniger Lärm und Dreck machen, dafür aber mehr Geld bringen. Eine große Wochenzeitung sah sich zum Ferienauftakt in Deutschland genötigt, ihren Leserinnen und Lesern alternative Reiseziele vorzuschlagen.

Davon abgesehen, dass in Baden-Württemberg noch reichlich Platz vorhanden ist und wir gerne noch weitere Touristen bei uns willkommen heißen, handelt es sich bei der jüngsten Welle bzw. Aufwallung um eine mit schöner Regelmäßigkeit wiederkehrende Diskussion. Diese Debatte mag zwar je nach Fall und Situation berechtigt und sinnvoll sein, aber ihr wohnt auch eine gewisse Scheinheiligkeit inne. Denn Touristen sind wir schließlich (fast) alle irgendwann.

Touristen aber, so hat man mitunter den Eindruck, das sind stets die anderen. Die, die sich ungebührlich verhalten, die wie die Lemminge einfallen, die an den Sandalen leicht erkennbar sind. Kurioser Weise sorgen oft ausgerechnet die Individualtouristen, die doch angeblich der Nachhaltigkeit frönen und den Menschen und Locals so nahe sein wollen, für ganz neuartige Probleme – siehe etwa die höheren Mieten für Einheimische in Airbnb-Umgebung.

Also doch lieber Pauschalreise und Sightseeing-Programm? Ach was, jeder Tourist hat sein Recht. Jetzt im Hochsommer, in dem wir doch alle möglichst kurzärmelig und gechillt zu sein wünschen, ist es an der Zeit, daran zu erinnern: An den Motiven, die uns zu Touristen werden lassen, ist nichts Verwerfliches – sei es die Suche nach Ruhe und Ausgleich, nach Abenteuer und Event, nach stiller Natur oder pulsierender Großstadt, nach Erkenntnis oder Erlebnis. Der Übergang vom Nicht-Touristen zum Touristen ist oft sehr kurz. Mehr Selbstbewusstsein also: Heute bin ich mal Tourist! Punkt. Anmerkung 1: Meinetwegen bezeichnen Sie sich eben als Urlauber, Gast oder Reisender, wenn das Ihrem Seelenheil zuträglich ist. Anmerkung 2: Und jetzt freuen Sie sich gemeinsam mit mir auf Urlaub!

Braun bloggt – Andreas Braun schreibt an dieser Stelle über Fragen rund um den Tourismus. Es sind Einwürfe und Gedanken. Reaktionen sind erwünscht, auch Widerspruch. Das Ziel: ein fruchtbarer Diskurs über unsere Branche und darüber, was uns umtreibt.



Kommentare




  1. Mir fällt da spontan ein Zitat des US-Journalisten Sam Ewing ein:
    “The average tourist wants to go to places where there are no tourists.”

  2. Elke Schönborn sagt:

    Und mir fällt das Zitat von Methusalix aus “Asterix ein: “Du kennst mich doch, ich hab’ nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier!”

  3. Da fehlt nur noch Karl Valentin: “Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.”

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Autor(in)

Andreas Braun
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg

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