24. September 2018

Dem Zufälligen eine Chance!

Die intensive, mitunter auch anstrengende Diskussion über Daten, Datenmanagement, Open Data und touristische Knowledge Graphen ist notwendig. Mehr noch, sie ist unumgänglich. Das Wissen über eine Destination zu sammeln, zu ordnen und für Gäste verfügbar zu machen, bedeutet Kern- und Kärrnerarbeit zugleich. Und wer den Zug der Zeit verpasst, sprich: die Digitalisierung, der hat verloren. Auch der Gedanke an Wettbewerb sollte uns unablässig beschäftigen. Plattform-Datenkraken wie Google und Booking mögen in mancherlei Hinsicht ein Segen sein, zu große Abhängigkeit ist ein Fluch.

So weit, so gut bzw. schlecht. Trotz des rasanten Wandels sollten wir gelassen bleiben. Denn es gibt Mechanismen, die nicht einmal durch die Digitalisierung außer Kraft gesetzt werden. Urlaub, Reisen, Freizeit – das ist immer auch ein Gegenmodell zum durchgetakteten Alltag. Was wäre ein Urlaub ohne Überraschung, ohne Abenteuer, ohne unerwartete Begegnungen?

Klar, am Urlaubsort selbst, setzen inzwischen die meisten auf den digitalen Rundum-Service. Wann öffnet das Museum? Welches Restaurant bietet regionale Küche? Wann fährt der letzte Bus? Diese Fragen unkompliziert (also: digital) zu beantworten, sollte jedem Touristiker Ansporn und selbstverständlicher Anspruch sein.

Doch wie kommt es zur Reiseentscheidung? Was genau passiert in der Phase der Inspiration? Algorithmen verstehen uns oft heute schon besser als wir uns selbst. Gebe ich meine Kundendaten preis, bin ich transparent bis auf die Knochen. Individualisierten, gar persönlichen Angeboten gehört die Zukunft. Das ist bequem, aber wollen Sie immer in eine Schublade gesteckt werden? Nicht nur, dass wir als Kunden oder Gäste hybrid und multioptional sind. Mal steht uns der Sinn nach Hardcore-Wandern von Hütte zu Hütte, mal haben wir Bock auf Wellness im Vier-Sterne-Superior-Hotel. Zum Urlaub gehören auch das Staunen und die Entdeckung. Dem Zufall eine Chance! Freunde erzählen von ihren Erlebnissen, beim Lesen stößt man auf eine bisher unbekannte Destination, ein Bild oder Plakat erregt unsere Aufmerksamkeit.

Glücklicherweise ist nicht alles ausrechenbar und der Mensch noch keine Maschine. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass nicht alle überkommenen Formen von Ansprache, Kommunikation und Werbung urplötzlich „out“ wären und vernachlässigt werden könnten. Wie tröstlich.

Braun bloggt – Andreas Braun schreibt an dieser Stelle über Fragen rund um den Tourismus. Es sind Einwürfe und Gedanken. Reaktionen sind erwünscht, auch Widerspruch. Das Ziel: ein fruchtbarer Diskurs über unsere Branche und darüber, was uns umtreibt.



Kommentare




  1. Oder wie schon Friedrich der Große meinte:
    “Je mehr man altert, desto mehr überzeugt man sich, daß seine heilige Majestät ‘Der Zufall’ gut Dreiviertel der Geschäfte dieses miserablen Universums besorgt.”

    Dazu noch ein immer noch lesenwerter Artikel aus der “WELT” von vor 10 Jahren:
    https://www.welt.de/wissenschaft/article2203948/Wichtige-Entdeckungen-basieren-auf-Zufaellen.html

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Autor(in)

Andreas Braun
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg

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