Urlaubsscham

6. August 2019

Scham wird im Wörterbuch definiert als „eine durch das Bewusstsein, besonders in moralischer Hinsicht versagt zu haben, ausgelöste quälende Empfindung“. Oder auch als „Gefühl, sich eine Blöße gegeben zu haben“. Eine Blöße zum Beispiel, weil man von Stuttgart nach Berlin das Flugzeug genommen hat – ließe sich aktuell ergänzen. Manchmal ist es von der Flugscham zur Urlaubsscham nicht mehr so weit. Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls in jüngster Zeit angesichts manch erregter Debatten. Dabei ist es absolut sinnvoll, den Kopf einzuschalten und das eigene Reiseverhalten zu reflektieren. Wie ist es um meinen ökologischen Fußabdruck bestellt? Gibt es eine klimafreundlichere Alternative zu meiner geplanten Anreise? Baden-württembergische Destinationen könnten offensiv damit werben: statt in die Ferne zu reisen klimafreundlicher Urlaub vor der Haustüre! Nicht nur: Wir sind Süden. Sondern auch: Wir sind nachhaltig! Trotzdem sollten wir uns davor hüten, das Reiseverhalten zu sehr nach moralischen Gesichtspunkten zu bewerten. Reisen bedeutet stets auch, offen zu sein, anderes kennenzulernen, andere Kulturen, andere Länder, sich zu verständigen, sich besser verstehen zu lernen. Und Reisen ist auch mehr als eine kulturelle Errungenschaft, nämlich ein sozialer Fortschritt. Der internationale Tourismus hat seine Kehrseiten und Auswüchse. Aber wenn heute hunderte Millionen Menschen mehr reisen als noch vor hundert Jahren, so ist dies auch als demokratischer und gesellschaftlicher Fortschritt zu werten. Vor wenigen hundert Jahren war Reisen noch eine vollkommen exklusive Angelegenheit. Wir sollten froh und stolz und ein bisschen schamlos sein, wenn auch in Zukunft Gäste von weither zu uns kommen, und sie willkommen heißen.

Braun bloggt – Andreas Braun schreibt an dieser Stelle über Fragen rund um den Tourismus. Es sind Einwürfe und Gedanken. Reaktionen sind erwünscht, auch Widerspruch. Das Ziel: ein fruchtbarer Diskurs über unsere Branche und darüber, was uns umtreibt.


Autor(in): Andreas Braun
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Geschäftsführer
E-Mail: a.braun@tourismus-bw.de
Telefon: +49 (0)711 / 23858-20
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3 Kommentare

Kommentare




  1. Sehr guter Kommentar zu einem hochaktuellen Thema. Auf DLF habe ich vor ein paar Tagen auch einen schönen Beitrag dazu gehört, der zum Nachdenken anregt:
    https://www.deutschlandfunkkultur.de/richtig-reisen-warum-in-die-ferne-schweifen.1005.de.html?dram:article_id=454997&fbclid=IwAR2f6cn-f3_JYfOWvpQkanw38pch6WbCCV8ZgxsktWbxigvpNi_GVWZ61zE
    (Ich empfehle die Hörvariante)

    1. Guter Hinweis. Soltte man/frau unbedingt lesen oder hören…
      aber wir sollten das in unserem Tourismusalltag, in unseren Gremien auch immer wieder mal diskutieren. Wir sind ja nicht nur Reisende (hoffentlich!), sondern auch “Vermarkter/innen” der “Terra incognita” vor der Haustüre. Wie viel ist gut? Für wen und was? Mit Scham? oder selbstbewusst?

  2. Dem kann ich nur voll und ganz beipflichten. Wir sind uns sicher alle einig, dass wir noch “bewusster” reisen müssen (Sch… wie reisen wir jetzt im März zur ITB?), aber (und das nach einem Wanderurlaub in Griechenland (Andros-Routes – sind wirklich zu empfehlen)): Reisen bildet, Reisen erweitert den Horizont und Reisen macht nachdenklich. Wir als Touristikerinen und Touristiker müssen uns weder für die Erschließung noch für die Bewerbung der “Terra incognita” vor der Haustüre “schämen”.
    Wir sollten die Diskussionen offensiver führen, auch öffentlich und tourismuspolitisch (nicht nur in solche Foren).

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