Der Siegeszug des E-Bikes: Best Practices aus Baden-Württemberg

18. November 2020
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Das E-Bike verändert den Radreisetourismus. Der Boom geht ungebremst weiter, selbst bei den Mountainbikes setzt sich der Elektroantrieb durch.

Von Andreas Steidel

Immer öfter fällt die Kaufentscheidung zugunsten eines E-Bikes oder Pedelecs, wie es korrekt eigentlich heißen müsste. Fast 1,4 Millionen Fahrräder mit E-Antrieb wurden 2019 verkauft, das waren 39 Prozent mehr als im Vorjahr. Tendenz weiter steigend. Die Zeiten sind vorbei, als E-Bikes den Ruf hatten, ein Gefährt für Oma und Opa zu sein. Uncool eben und spießig, eine Notlösung für die, bei denen es nicht anders geht.  Längst sind alle Bevölkerungsschichten unter den Kunden, selbst die, die als Mountainbike-Fahrer mit sportlichen Absichten unterwegs sind, schrecken nicht mehr vor einem Elektromotor zurück.

Baden-Württembergs Mittelgebirge profitieren

Das hat Folgen. Die Mittelgebirge, in denen sich zuvor fast nur Konditionsstarke abstrampelten, werden für das breite Publikum interessant. Wer sich bisher allenfalls einen Flussradweg zutraute, kann nun bequem in die Berge ausweichen. „Die Alb wird befahrbar“, sagt Ursula Teufel vom Schwäbische Alb Tourismusverband (SAT). Was für die Schwäbische Alb gilt, trifft im gleichen Maße für den Schwarzwald zu: Auch hier sind unüberwindliche Steigungen plötzlich in den Bereich des Machbaren gerückt. Kein Segment wächst derzeit so stark wie das des E-Mountainbikes, kurz auch EMTB genannt. Zwei Drittel aller neu verkauften Räder in diesem Bereich haben einen Elektromotor. Das EMTB erschließt für den Radtourismus ganz neue Zielgruppen. Plötzlich sind Paare mit unterschiedlichem Leistungsniveau wieder gemeinsam unterwegs. Menschen, die es sportlich nicht ganz so verbissen sehen, wagen sich erstmals ins Gelände und andere, die dort schon immer waren, merken, dass man mit E-Antrieb schlicht doppelt so weit kommt.

Die Probefahrt im Urlaub

Der Urlaub ist oft die Gelegenheit, ein EMTB auszuprobieren. Längst haben die Hersteller dabei ihre Chance erkannt und statten die Verleiher mit erstklassigem Material aus. Waren es anfangs noch eher die Auslaufmodelle, kann es heute schon mal sein, dass die nächste Rad-Generation, die noch gar nicht regulär in den Läden ist, dort präsentiert wird. „Manche kaufen dann auch gleich“, weiß Sascha Hotz, Themenmanager Rad bei der Schwarzwald Tourismus GmbH (STG). Was dabei an Geld ausgegeben wird, ist erstaunlich. Seit 2015 sind die Durchschnittspreise für E-Bikes kontinuierlich gestiegen, von 1.700 auf zuletzt 2.200 Euro. Bei den E-Mountainbikes gehen da auch mal schnell 5.000 Euro über die Theke.

„Einen Trend zur Qualität,“ stellt auch Felix Rhein von der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (TMBW) fest. Das E-Bike wird immer mehr zum coolen Status-Symbol, das man mit allem Komfort ausgestattet wissen will. „Da gibt es einen SUV-Effekt,“ sagt Sascha Hotz, „man leistet sich eine Technik, die man im Alltag eigentlich gar nicht braucht.“ Die Hochpreisigkeit der E-Bikes stellt auch den Tourismus vor Herausforderungen. „Ein sicherer Abstellplatz im Hotel ist das A und O“, sagt Felix Rhein. Abschließbare Räumlichkeiten, die übrigens auch in anderen Bereichen ein Thema sind: Wo stellen E-Biker ihr Rad ab, wenn sie eine Stadt oder eine Burg besichtigen oder sie in ein Naturschutzgebiet spazieren möchten, in dem Fahrräder verboten sind? Derzeit sind Lösungen wie abschließbaren Fahrradboxen noch eine große Ausnahme.

Akkus halten immer länger

Rückläufig ist hingegen die Bedeutung eines anderen E-Bike-Problems, das bisher die Touristiker in hohem Maße beschäftigt hat: der Aufbau eines Netzes von Ladestationen. Akkus haben heute die dreifache Leistung wie noch vor ein paar Jahren. Im Grunde muss für eine Tagestour fast keiner mehr wirklich nachladen, 60 Kilometer mit über 1.000 Höhenmeter sind heute als Laufleistung keine Seltenheit mehr. Umso erstaunlicher, dass auch bei neuen Radwegen dennoch darauf geachtet wird, dass es genügend Ladestationen gibt. „Sie werden selten gebraucht, sind aber gut fürs Marketing“, sagt Sascha Hotz. So wurden auch auf dem neuen Badischen Weinradweg in ausreichender Zahl Elektro-Tankstellen ausgewiesen, weil sie den Radfahrern ein Gefühl von Service und Sicherheit geben.

Das Vorhandensein von Ladestellen ist der Hauptgrund, warum die Schwäbische Alb E-Bike-Touren noch immer gesondert bewirbt. Denn im Grunde fahren E-Biker die gleichen Strecken wie Radler ohne Elektrounterstützung. Sie brauchen nur ab und an eine Steckdose und am einfachsten ist es, wenn sie die in einer Gaststätte finden. Dort kann man sich die Ladezeit mit Kaffee und Kuchen versüßen. Dumm nur, wenn E-Biker vom Wirt einen Korb bekommen, ein Ärgernis, über das unlängst die Schwäbische Zeitung im Raum Friedrichshafen berichtete. Dabei profitieren Gaststätten, die ihren Strom kostenlos zur Verfügung stellen, in den meisten Fällen erheblich, weil oft ganze Gruppen einkehren, von denen aber nur wenige wirklich ihren Akku aufladen müssen. Eine Alternative sind Schellladestationen wie die „Charger Cubes“, von denen es auf der Schwäbischen Alb mittlerweile eine beträchtliche Anzahl gibt: 55 sollen es Ende 2021 sein. Die Ladezeit ist gerade einmal halb so hoch wie bei normalen Geräten, das vom Bundesumweltministerium geförderte Angebot ist für die Nutzer kostenlos und generiert seinen Strom mit Solarzellen.

Corona beschleunigt auch den Rad-Boom

Viele der Radurlauber bringen ihr E-Bike von zu Hause mit. Wer sich schon etwas richtig Gutes leistet, will es auch in den Ferien genießen. Wem der Transport zu aufwändig ist, der leiht sich aber gerne vor Ort auch ein Rad aus, wenn es denn wirklich Qualität hat: Erfahrungen zeigen immer wieder, dass Vermieter auf veralteten E-Bikes sitzen bleiben. Innovative Einrichtungen, wie das E-Mobilitätszentrum in Münsingen, werden hingegen von der Kundschaft überrannt.

Die Wechselwirkung von Alltag und Radtourismus beobachtet auch der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) mit Interesse. „Wer zu Hause gerne Rad fährt, unternimmt tendenziell auch Tageausflüge in der Region oder eine Radreise“, sagt Nina Schaal, zuständig für Tourismusmarketing beim ADFC Baden-Württemberg. Dort hat man aufgrund der steigenden Nachfrage im Corona-Jahr ein neues Programm für Individualradreisen im Ländle konzipiert, buchbar von drei bis acht Übernachtungen. Schon seit Jahren bündelt der ADFC unter dem Titel „Bett und Bike“ fahrradfreundliche Unterkünfte, die immer öfter nun von E-Bikern in Anspruch genommen werden.

Mit dem Boom der E-Bikes geht einher, dass auch der letzte Winkel der Landschaft von Radfahrern überrollt wird. Zunehmende Konflikte zwischen Wanderern und E-Bikern befürchtet Felix Rhein von der TMBW. „Alles wird immer voller“, sagt er „es ist eine Herausforderung für Touristiker, hier einer Lösung zu finden.“ Die könnte in einer Ausweisung von getrennten Wegen für die jeweiligen Zielgruppen liegen oder in einem Appell an die Vernunft, wie es die Schwarzwald Tourismus GmbH derzeit noch vorzieht. Dort hat man eine Toleranzkampagne „Gemeinsam die Natur erleben“ initiiert, die alle Akteure zu gegenseitiger Rücksichtnahme aufruft. Ein anderes Mittel ist die Besucherlenkung, die Verteilung der Radfahrer auf möglichst viele verschiedene Wege. „Bei Gästen ist das besonders gut möglich“, sagt Sascha Hotz, „die kennen sich nicht aus und nehmen dankbar Tipps entgegen.“ Viel schwieriger wird das bei Einheimischen. Die sind bestens mit der Gegend vertraut und fahren in aller Regel dort, wo es ihnen passt.

 

ÜBER DIESEN TEXT

Der Beitrag von unserem Autor Andreas Steidel ist eine Kurzfassung seines Artikels in der jüngsten Ausgabe des Magazins „Tourismus Aktuell“. Darin informiert die TMBW zweimal im Jahr über aktuelle Trends und Entwicklungen im Tourismus. Das Magazin kann kostenlos bestellt oder abonniert werden.

Ansprechpartner:
Dr. Martin Knauer
m.knauer@tourismus-bw.de

 


Autor(in): Manuel Mielke
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Stabstelle Kommunikation & Koordination
E-Mail: m.mielke@tourismus-bw.de
Telefon: 0711 / 238 58 - 53
Kategorien: Allgemein
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