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Thorsten Rudolph im Interview: „Die Lizenz zum Wandern“

11. März 2021
Aktuelle Informationen zum Coronavirus (SARS-CoV-2) finden Sie hier.

Besucherlenkung ist im Hochschwarzwald nicht erst in Zeiten der Pandemie ein Thema. Ein Gespräch mit Thorsten Rudolph, Geschäftsführer der Hochschwarzwald Tourismus GmbH, über geeignete Maßnahmen und darüber, wie sich auch auf Wanderwegen die Zahl der Ausflüglerinnen und Ausflügler steuern lässt.

 

Der Schwarzwald ist groß, trotzdem ballen sich die Menschen an manchen Tagen auf einem Fleck – nicht nur in Zeiten von Corona. Was unternehmen Sie dagegen, Herr Rudolph?

Nehmen wir zum Beispiel unseren Weihnachtsmarkt in der Ravennaschlucht: Wir können nicht unendlich viele Besucher einlassen. Künftig kauft man vorher eine Eintrittskarte, die nur für einen bestimmten Zeit-Slot gültig ist. Wir wissen dadurch auch, woher der Gast kommt, wo er in den Bus steigen will und können entsprechend die Kapazitäten optimal planen. 2019 hatten wir dazu seinen Testversuch und 2020 haben wir innerhalb von einer Woche 15.000 Tickets verkauft, bevor wir den Markt dann wegen der Corona-Verordnungen leider absagen mussten.

Gäste müssen also künftig vorausplanen. Das wollen aber viele gerade im Urlaub nicht.

Dafür bekommen sie mehr Qualität. Nehmen wir das Badeparadies Schwarzwald: Dort konnte man im vergangenen Jahr alles im Voraus reservieren – vom Parkplatz bis zur persönlichen Liege, um die man sich mit niemandem streiten musste. Man steht nirgends an, hat kein Gedränge und kann die Leistung garantiert abrufen. Auch das Parkhaus am Feldberg ist ein Beispiel: Bei guter Schneelage und schönem Wetter ist es oft ausgebucht, doch Gäste können sich im Vorfeld einen Parkplatz sichern. Das ist ein toller Service und vermeidet Ärger. Denn der entsteht dann, wenn sie nicht mehr reinkommen, stattdessen irgendwo parken und ihr Auto am Ende womöglich abgeschleppt wird.

Wichtig ist aber auch, dem Gast in solchen Situationen weitere Vorschläge zu machen, oder?  

Ja, deshalb wollen wir zukünftig Veranstaltungen, Parkplätze, Ausflugsziele und Angebote bündeln und schaffen für alle ein gemeinsames Reservierungssystem über eine App. Damit können wir Besucher entsprechend lenken und ihnen Ausweichmöglichkeiten und Alternativen anzeigen. An dieser Vernetzung arbeiten wir und wollen die neue digitale Plattform noch dieses Jahr im November oder Dezember einführen.

Auch auf Premiumwanderwegen kann viel los sein. Andernorts wurden besonders beliebte Strecken in Zeiten von Corona gesperrt oder durften nur in eine Richtung begangen werden. Ist das aus Ihrer Sicht geeignet zur Besucherlenkung?

Von Verboten halte ich nichts, außerdem ist immer die Frage, wie man das dann organisiert und kontrolliert. Beim Wandern versuchen wir, auch unbekanntere Wege zu bewerben, also das sichtbare Angebot auszuweiten, damit sich die Gäste besser verteilen. Doch die wichtigsten Maßnahmen sind aus meiner Sicht Information und Besucherlenkung – und über die App könnten wir bei zunehmendem Interesse auch das Thema Wandern künftig besser steuern.

Wie soll das funktionieren?

Zum einen über die Parkplätze an den Startpunkten der Wege: Dort kann ich mir dann künftig, wie in der Garage am Feldberg, per App einen Platz reservieren. Und wenn alles ausgebucht ist, muss ich mir einen anderen Parkplatz und vielleicht auch einen anderen Weg suchen. Diese Schritte gehen wir gemeinsam mit unseren Kommunen an. Dadurch schaffen wir zum einen Einnahmen für die Gemeinden, die die Infrastruktur bereitstellen. Zum anderen entzerren wir das Aufkommen. Denkbar wäre auch, „Tagestickets“ für Wege zu vergeben, aber das ist noch Zukunftsmusik.

Also eine Lizenz zum Wandern?

Bei beliebten Wanderwegen gibt es das bereits, etwa auf dem Kalalau-Trail auf Hawaii. Täglich wird nur eine bestimmte Anzahl von Lizenzen vergeben und jeder, der dort wandern will, muss eine kaufen. Der Hochschwarzwald hat zwar ein großes Netz an Wanderwegen – an 340 Tagen im Jahr ist das überhaupt kein Thema, aber an den 25 anderen Tagen kann es an manchen Stellen zu Engpässen kommen. Die Steuerung über eine Lizenz käme da auch wieder der Qualität zugute: Keiner will eine Völkerwanderung, sondern die Natur in Ruhe erleben.

 

INFORMATION

Weitere Informationen zur Region finden Sie auf der Webseite der Hochschwarzwald Tourismus GmbH.

Umfangreiche Hinweise zum Thema Besucherlenkung finden Sie auch gebündelt im Tourismusnetzwerk unter Corona-Informationen / Besucherlenkung.
Desweiteren plant die TMBW gemeinsam mit der IHK Baden-Württemberg eine Online-Informationsveranstaltung zum Thema „Besucherlenkung“. Die Veranstaltung findet am Mittwoch, 24. März 2021 von 14:30 – 16:00 Uhr via Zoom statt. Weitere Informationen zur Anmeldung folgen in Kürze.

Das Interview führte unsere Autorin Claudia List für die jüngste Ausgabe des Magazins „Tourismus Aktuell“. Darin informiert die TMBW zweimal im Jahr über aktuelle Trends und Entwicklungen im Tourismus. Das Magazin kann kostenlos bestellt oder abonniert werden.

Ansprechpartner:
Dr. Martin Knauer
m.knauer@tourismus-bw.de


Autor(in): Manuel Mielke
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Stabstelle Kommunikation & Koordination
E-Mail: m.mielke@tourismus-bw.de
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Ein Kommentar

Kommentare




  1. Sehr geehrter Herr Mielke,
    die Aussagen von Herrn Rudolph sind (leider) in Deutschland so nicht anwendbar und deshalb illusorisch. Es gilt für den Wald in Deutschland ein gesetzlich verankertes freies Betretungsrecht. Da helfen Tickets und Reservierungen überhaupt nicht. Das ist für ein Schwimmbad und ein Parkhaus kein Problem, löst aber das Problem in der Fläche nicht. Das ist schlichtweg weltfremd. Zum Nachteil der Natur, der Biodiversität und der hier lebenden Menschen. Denn die müssen ganzjährig damit umgehen. Deshalb sind Information, Sperrungen und Bußgelder derzeit leider doch ein probates Mittel, dass aktuell ausgebaut wird.
    MfG Kemkes, Geschäftsführer UNESCO-Biosphärengebiet Schwarzwald

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