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Neustart in der Tourismuspolitik: Interview mit Ministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut und Staatssekretär Dr. Patrick Rapp

20. September 2021
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Seit dem Frühjahr 2021 hat Baden-Württemberg eine neue Tourismusministerin und erstmals einen Tourismusstaatssekretär. In der neuen Landesregierung übernimmt wieder das Wirtschaftsministerium die Tourismuspolitik. Nicole Hoffmeister-Kraut und Patrick Rapp sprechen im Interview über ihre neuen Aufgaben, über die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise und über ihre persönlichen Urlaubsvorlieben.

Frau Ministerin, nach zwei Legislaturperioden in wechselnden Ressorts kehrt die Zuständigkeit für den Tourismus jetzt wieder zurück ins Wirtschaftsministerium. Erstmals überhaupt taucht die Branche im Namen des neuen „Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus“ auf. Dürfen wir das als Signal verstehen, dass der Tourismus mehr Aufmerksamkeit innerhalb der Landesregierung bekommen soll?

Ministerin Hoffmeister-Kraut:

Absolut. Der Tourismus ist eine Leitökonomie für Baden-Württemberg und vor allem eine Querschnittsbranche. Die neue Ressortzuständigkeit unterstreicht das und ich freue mich sehr, dass der Bereich nun in das Wirtschaftsministerium „zurückgekehrt“ ist. Wir können im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus wertvollen Austausch und Vernetzung mit anderen Branchen erreichen. Nicht nur Gäste und Besucherinnen und Besucher profitieren von touristischen Angeboten, sondern auch das Gewerbe vor Ort, beispielsweise der Handel und das Handwerk oder die Veranstaltungs- und Kulturbranche, aber auch die einheimische Bevölkerung. Außerdem sollten wir uns immer wieder bewusstmachen, dass die Arbeitsplätze im Tourismus von ganz besonderer Qualität sind, weil sie sich nicht exportieren lassen.

Herr Staatssekretär, Sie haben die Themen im Bereich Tourismus bereits in der Vergangenheit als tourismuspolitischer Sprecher eng begleitet. Welche Themenfelder sollten künftig in den Fokus gestellt werden?

Staatssekretär Rapp:

Der Tourismus hat für Baden-Württemberg nicht nur enorme wirtschaftliche Bedeutung – die Branche zählt rund 380.000 rechnerische Vollzeitarbeitsplätze – sondern hat auch einen hohen sozialen und strukturpolitischen Stellenwert. Und der Tourismus im Land liegt mir persönlich einfach sehr am Herzen. Baden-Württemberg hat viel zu bieten und das zeigt sich auch in den touristischen Angeboten unserer Regionen. Der Tourismus hat die Auswirkungen der Pandemie leider besonders stark zu spüren bekommen. Deshalb ist es wichtig, dass wir deutlich machen, wie wichtig uns der Erhalt und die Weiterentwicklung dieser Branche sind. Das Ziel der kommenden Jahre ist natürlich eine nachhaltige Erholung und ein möglichst rasches Wiedererreichen des Vorkrisen-Niveaus. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Unterstützung der Leistungsträgerinnen und Leistungsträger im Tourismus. Gleichzeitig müssen wir aber auch die Chance zu notwendigen strukturellen Veränderungen nutzen. Die strategischen Handlungsfelder unserer Tourismuskonzeption sind hier eine hervorragende Grundlage. Dabei werden wir insbesondere die langfristige Sicherstellung von Tourismusinfrastruktur und das Verständnis bei Politik und Gesellschaft für den Tourismus in Baden-Württemberg in den Fokus rücken.

Der Tourismus ist eine der von der Corona-Pandemie am härtesten getroffen Branchen. Viele Betriebe haben zu kämpfen, manche stehen vor dem Aus. Die Politik hat in den letzten Monaten viel getan, um der Branche mit Förderprogrammen unter die Arme zu greifen. Wie geht es jetzt weiter?

Ministerin Hoffmeister-Kraut:

Wir haben als Landesregierung einen besonderen Fokus darauf gerichtet, dass unsere Hilfsprogramme zielgerichtet und passgenau unterstützen. Neben den finanziellen Hilfen, die das unmittelbare Überleben der besonders betroffenen Betriebe sichern, ist es nun von zentraler Bedeutung, den Blick auf eine zukunftsfähige Entwicklung zu richten und den Tourismus bei notwendigen Investitionen zu unterstützen. Mit dem Tourismusfinanzierungsprogramm Plus wollen wir zum Beispiel kleine und mittelständische Tourismusunternehmen in ihrer Investitionskraft und Wettbewerbsfähigkeit stärken. Im Juli konnten wir hierfür weitere 8 Millionen Euro bereitstellen.

Auch die Nachfrage muss nach dem Lockdown wieder angekurbelt werden. Um bundesweit für einen Urlaub in Deutschlands Süden zu werben, haben wir bereits zum Start der Pfingstferien über die Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg eine groß angelegte Restart-Kampagne aufgelegt. Unser Land beherbergt eine außergewöhnliche Vielfalt an Urlaubszielen sowie großartige und engagierte Betriebe und Einrichtungen, die diese mit Leben füllen. Die TMBW hat den Neustart als „das Urlaubsziel im Süden“ gemeinsam mit den sechs regionalen Organisationen – dem Schwarzwald, dem Bodensee, der Region Stuttgart, der Schwäbischen Alb, der Region Oberschwaben-Allgäu und dem Nördlichen Baden-Württemberg – auf den Weg gebracht.

Gerade in Folge der Corona-Krise ist eine qualitativ hochwertige touristische Infrastruktur eine wichtige Voraussetzung, um im nationalen und internationalen Wettbewerb zu punkten. Daher trägt auch das Tourismusinfrastrukturprogramm (TIP) einen wichtigen Teil zum Restart im Tourismus bei. Für 2022 geht das Programm mit deutlich verbesserten Förderbedingungen an den Start. Insbesondere mit der Erhöhung der Fördersätze wollen wir den Kommunen einen Anreiz bieten, um die Investitionsentscheidung zu erleichtern.

Neben Geld fehlen den Betrieben vor allem Fachkräfte. So manche Mitarbeitende haben sich während der Zeit in Kurzarbeit neue Jobs gesucht. Kann die Landesregierung hier unterstützen?

Staatssekretär Rapp:

Die Corona-Pandemie hat den bereits bestehenden Fachkräftemangel in der Tourismusbranche noch weiter verschärft. Die Abwanderung in andere Branchen und die gesunkenen Ausbildungszahlen sind besorgniserregend. Hier versuchen wir als Landesregierung mit zahlreichen Initiativen entgegenzuwirken und Betriebe zu unterstützen, beispielsweise bei der Suche nach Auszubildenden. Unser Ziel ist es, auch noch für das neue Ausbildungsjahr Jugendliche und Betriebe kurzfristig zusammenzubringen. Unsere „Initiative Ausbildungsbotschafter“ bringt Azubis in Schulen, um Schülerinnen und Schülern verschiedene Berufe vorzustellen. Hier haben wir auch Vertreterinnen und Vertreter aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe dabei, die Schulen im ganzen Land besuchen. Wir fördern zudem Prüfungsvorbereitungskurse für Auszubildende an der DEHOGA-Akademie und unterstützen mit den Projekten „Fachkräftenachwuchs im Hotel- und Gaststättengewerbe“ und „Digitale Qualifizierung im Gastgewerbe“.

Finanzielle Förderung und Fachkräfte sind wichtig, aber nur zwei Bausteine einer erfolgreichen Tourismuspolitik, die der Branche aus der Krise hilft. Die Landespolitik schafft auch mit strukturellen und strategischen Anpassungen Rahmenbedingungen. Brauchen wir nach den Verwerfungen der Corona-Krise jetzt schon wieder Änderungen in der Tourismuskonzeption?

Ministerin Hoffmeister-Kraut:

Die Tourismuskonzeption wurde in einem breit angelegten Beteiligungsprozess erstellt und findet daher große Unterstützung von den Akteurinnen und Akteuren. Ohne Zweifel hat sich durch die Corona-Pandemie vieles verändert. Deshalb haben wir uns das Strategiepapier gemeinsam mit externen Gutachtern auch insbesondere in Bezug auf die massiven Auswirkungen der Pandemie nochmal kritisch vorgenommen. Das Ergebnis zeigt, dass die Tourismuskonzeption auch auf die derzeitigen Herausforderungen anwendbar ist und wesentlich zur Erholung und einer gesteigerten Resilienz des Tourismus beitragen kann. Die darin enthaltenen Grundprinzipien und Handlungsempfehlungen stellen gerade jetzt eine wichtige Orientierungshilfe dar.

Ein anderes großes Thema ist die Nachhaltigkeit, nicht erst infolge der Pandemie. Die TMBW bündelt bereits seit 2012 entsprechende Angebote in ihrer Erlebnismarke „Grüner Süden“. Im Koalitionsvertrag wird das Thema ausdrücklich erwähnt, angekündigt wird darin eine „Modellregion konsequent nachhaltiger Tourismus“. Was hat es damit auf sich?

Staatssekretär Rapp:

Wir haben in Baden-Württemberg bereits im Jahr 2016 das Zertifikat „Nachhaltiges Reiseziel“ entwickelt, das ganze Destinationen auszeichnet und inzwischen bundesweit zum Einsatz kommt. Der Tourismus in Baden-Württemberg hat in puncto Nachhaltigkeit viel zu bieten. Ein Beispiel sind unsere zahlreichen Schutzgebiete. Doch natürlich ist auch bei uns noch Luft nach oben und es ist einiges in Planung. Das Zertifikat „Nachhaltiges Reiseziel“ soll weiterentwickelt werden, um bestehende Angebote und Initiativen zu bündeln und miteinander zu vernetzen. In diesem Zusammenhang wollen wir prüfen, wie eine „Modellregion konsequent nachhaltiger Tourismus“ aussehen könnte. So können wir gemeinsam mit den Akteurinnen und Akteuren schauen, wo noch gezielter Handlungsbedarf besteht. Dieses Jahr starten wir außerdem eine Initiative, um das Bewusstsein für den Tourismus zu stärken. Hierzu möchten wir die Bürgerinnen und Bürger Baden-Württembergs von Beginn an in den Prozess einbinden, um die ökonomischen und sozialen Aspekte der Nachhaltigkeit stärker zu berücksichtigen.

Diskutiert wurde zuletzt auch über das Tourismusbewusstsein im Land. Einerseits hat die Pandemie vielen Einheimischen gezeigt, wie viele Jobs am Tourismus hängen und wie sehr man auch vor Ort von der touristischen Infrastruktur profitiert. Andererseits wurden auswärtige Gäste wieder kritisch beäugt, weil sie für überfüllte Wanderwege und Menschenmassen standen. Wie kann es gelingen, die Tourismusakzeptanz zu fördern und auszubauen?

Ministerin Hoffmeister-Kraut:

Tourismus ist mehr als nur die Wirtschaftsbeziehung zwischen Gastgebenden und Gästen. Es gibt kaum einen Bereich, der nicht vom Tourismus profitiert: die Bevölkerung vor Ort kann die attraktive Freizeitinfrastruktur nutzen, Unternehmen profitieren von wichtigen weichen Standortfaktoren, wie zum Beispiel einer hohen Lebensqualität, einem abwechslungsreichen Kultur- und Freizeitangebot sowie einem attraktiven Stadt- und Landschaftsbild. Durch die Begegnungen entsteht außerdem ein wichtiger kultureller und internationaler Austausch. Wir haben daher ein großes Projekt aufgelegt, um das Bewusstsein, aber auch die Akzeptanz für den Tourismus im Land zu steigern. Es geht dabei insbesondere auch darum, in den Dialog zu treten. Gleichzeitig wollen wir damit langfristig die Finanzierung touristischer Infrastruktur und Angebote im öffentlichen und privaten Bereich sicherstellen. Dazu soll auch das Verständnis der Verwaltungen und der Politik für die Belange des Tourismus weiter ausgebildet und Bürgerinnen und Bürger frühzeitig in touristische Entwicklungen eingebunden werden. Doch natürlich müssen wir auch die Belastungseffekte durch den Tourismus im Blick haben. Um diese zu reduzieren gibt es beispielsweise inzwischen die Freizeitampel der TMBW. Durch dieses Instrument werden Besucherströme entzerrt und das Freizeiterlebnis für alle verbessert. (Anmerkung der Redaktion: Zur Freizeitampel siehe auch den Beitrag ab Seite XX.)

Zum Schluss noch eine persönliche Frage an Sie beide: In diesem Jahr steht der Themenschwerpunkt „Entspannter Süden“ im Mittelpunkt der touristischen Vermarktung Baden-Württembergs. An welchen Orten im Land können Sie richtig gut entspannen und abschalten?

Ministerin Hoffmeister-Kraut:

Ich genieße es sehr, in der Natur zu sein. Deshalb verbringe ich meine freie Zeit gerne beim Wandern oder Fahrradfahren. Gerade beim Einkehren in den gemütlichen Hütten unserer Regionen kann ich gut abschalten. Das kann ich jedem wärmstens empfehlen. Die Ruhe in der freien Natur bietet einen guten Ausgleich zum oft hektischen Alltag. Das brauche ich auch, um mich danach wieder auf mein Amt fokussieren zu können. Ganz besonders schätze ich die Gastfreundschaft der Menschen bei uns im Land – da fühlt man sich selbst im Urlaub wie Zuhause.

Staatssekretär Rapp:

Es fällt mir schwer, mich auf eine bestimmte Region festzulegen. Denn Baden-Württemberg hat so viele schöne und vielfältige Orte. Das hat mir meine Tourismusreise im August noch einmal mehr vor Augen geführt. Bei mir ist das situations- und stimmungsabhängig, welche Art von Urlaub ich zum Abschalten und Erholen brauche. Mal bevorzuge ich den Rückzug in die Natur, und mal suche ich Abwechslung und Aktivität – bei Städtetrips, in Freizeitparks oder auf einer Fahrradtour. Und manchmal stehen Genuss und Wellness im Vordergrund. Das Tolle ist: All diese Möglichkeiten eröffnen sich einem bei uns im Ländle. Gerade das macht Baden-Württemberg zu einem großartigen Urlaubsland.

 

ÜBER DIE PERSONEN

Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut gehört der Landesregierung von Baden-Württemberg seit 2016 als Wirtschaftsministerin an. Sie wurde 1972 in Balingen geboren und studierte nach dem Abitur BWL, 2001 folgte die Promotion. Nach Stationen als Investmentbankerin und Analystin in London und Frankfurt arbeitete sie zuletzt für den Balinger Waagenhersteller Bizerba, an dem sie als Gesellschafterin beteiligt ist.

Dr. Patrick Rapp ist seit Mai 2021 Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg. Der promovierte Forstwissenschaftler wurde 1968 in Stuttgart geboren und arbeitete zunächst in der Lebensmittel- und Holzindustrie. Seit 2011 ist er Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg und war bis zu seinem Wechsel in die Landesregierung Tourismuspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion.

wm.baden-wuerttemberg.de

 

INFORMATION

Eine gedruckte Fassung dieses Textes wurde in der jüngsten Ausgabe des Magazins Tourismus Aktuell veröffentlicht. Darin informiert die TMBW zweimal im Jahr über aktuelle Trends und Entwicklungen im Tourismus. Das Magazin kann kostenlos bestellt oder abonniert werden.

Ansprechpartner:
Dr. Martin Knauer
m.knauer@tourismus-bw.de

Bildnachweis: Uli Regenscheit


Autor(in): Manuel Mielke
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Stabstelle Kommunikation & Koordination
E-Mail: m.mielke@tourismus-bw.de
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