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Neues Leben auf dem Lande

14. Oktober 2021
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Der Wunsch nach Natur und Ruhe auf dem Land ist bei vielen Reisenden gestiegen. Ein wichtiges Ziel für Gäste sind dabei Bauernhöfe – aber eben nicht nur. Der Landurlaub bietet noch mehr Facetten. Er reicht vom Camping bis zum Luxus-Chalet und ist längst nicht nur ein Thema für Familien.

Im hübschen Häuschen sorgen viel Holz, ein Kaminofen und hochwertige Möbel für ein besonderes Flair. Ein Garten in der Größe eines Fußballfeldes umgibt das „Chalet an der Brettach“. Der Bach plätschert am Grundstück vorbei und auf einem privaten Spazierweg, der zu einem Fischteich und einem Barfußpfad führt, können Gäste gut und gerne 20 Minuten unterwegs sein, ohne einer Menschenseele zu begegnen.

Das Chalet liegt am Rande von Liebesdorf in Hohenlohe, einem Ort mit gerade mal sechs bewohnten Häusern. „Abgeschiedenheit und Alleinlage sind das wichtigste Kriterium bei den Häusern, die ich vermittle“, sagt Tina Oestreich von der Vermietungsagentur Hohenlohe in Blaufelden-Herrentierbach. Die Sehnsucht nach dem Landleben hat auch sie vor 20 Jahren von Frankfurt nach Hohenlohe getrieben, „deshalb weiß ich, was meine Klientel sucht.“

Typischerweise sind das Stadtmenschen, die im Urlaub Ruhe und Natur wollen. Sie finden auf ihrer Webseite rund 35 ländliche, gehobene Ferienquartiere. „Die Eigentümer müssen einiges investieren“, sagt Oestreich. Viele Häuser wie auch das Chalet an der Brettach haben eine Sauna, damit sie ganzjährig interessant sind. Für die Möblierung sorgt Tina Oestreich meistens selbst – mit einem gewissen Perfektionsanspruch: Selbst die Kissen, die im Sommer aus kühlem Leinen sind, tauscht sie vor dem Winter gegen kuschelige Samtkissen aus.

Eines der ersten Ferienhäuser, das ihr von einer Architektin zur Vermietung angeboten wurde, war schon außergewöhnlich. Zunächst glaubte Tina Oestreich nicht daran, ein so teures Objekt in der Region je vermieten zu können. „Nachdem aber die Schriftstellerin Elke Heidenreich darin übernachtet hat und ein Politiker mit Personenschutz gebucht hatte, war mir klar: Ich bekomme das Klientel nach Hohenlohe, wenn das Haus nur hochwertig genug ist.“

Hohenlohe ist Neuland für ihre Gäste

Tatsächlich buchen viele bei ihr, die gar nicht wissen, wo Hohenlohe liegt und was man dort unternehmen kann. Sie sind über Veröffentlichungen in Zeitschriften oder TV-Auftritte auf Oestreichs Angebot aufmerksam geworden. Bei Airbnb ist sie Superhost, also eine besonders erfolgreiche Gastgeberin, und schnell zu finden, wenn man nach ausgefallenen Unterkünften sucht. „Das Quartier bestimmt die Entscheidung“, sagt Oestreich, betont aber auch, „dass es nur funktioniert, wenn es die Landschaft hergibt – und Hohenlohe ist sehr schön.“

Das „Chalet an der Brettach“ ist eines von sechs „Hideaways“, die die Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (TMBW) ausgewählt hat und ab diesem Herbst in einer Print- und Online-Marketingkampagne präsentieren wird. „Die Nähe zur Natur, Abgeschiedenheit und eine besondere Architektur spielten bei der Auswahl eine Rolle“, erklärt Felix Rhein, Themenmanager Natur und Wohlsein bei der TMBW. Die Hideaways haben Vorbildcharakter und sollen dazu beitragen, den Tourismus im ländlichen Raum zu stärken. Deshalb entwickelte die TMBW gleichzeitig einen Leitfaden für Vermietungsbetriebe, der langfristig für eine bessere Angebotsqualität sorgen soll.

Hohe Nachfrage nach Urlaub auf dem Bauernhof

Eine entsprechende Nachfrage für Quartiere auf dem Land gibt es. „Sie war in den vergangenen Jahren schon sehr groß“, bestätigt Constanze Bröhmer, Geschäftsführerin der Landesarbeitsgemeinschaft Urlaub auf dem Bauernhof in Baden-Württemberg (LAG) mit Sitz in Freiburg. „Heute spielen Entschleunigung, Naturbewusstsein und das Interesse an regionalen Produkten eine wichtige Rolle, das passt zum Landurlaub“, sagt sie.

Die Entwicklung zeigt sich auch in der Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR): Der Anteil der Befragten, der zwischen 2017 und 2021 tatsächlich einmal oder mehrfach auf einem Bauernhof Ferien gemacht hat, ist zwar nur von 1,9 auf 2,1 Prozent gestiegen, aber 2020 war es durch die Pandemie über Monate hinweg auch gar nicht oder kaum möglich, zu verreisen. Das Interesse an einem Urlaub auf dem Bauernhof ist im gleichen Zeitraum außerdem erkennbar gewachsen: 2017 haben sich 10 Prozent der Befragten dafür interessiert, im Januar 2021 lag die Zahl bei über 14 Prozent.

Blickt man nur auf den Anteil der Befragten, die sich für Ferien in Baden-Württemberg interessieren, fiel die Steigerung noch deutlicher aus: 2017 waren insgesamt rund 16 Prozent von ihnen auch geneigt, in den nächsten drei Jahren Urlaub auf einem Bauernhof zu verbringen, 2021 waren es knapp 23 Prozent.

Die TMBW will sich über die Hideaways und den Leitfaden hinaus künftig verstärkt dem Thema Landurlaub widmen und potenziellen Gästen zeigen, dass sich Baden-Württemberg sehr gut dafür eignet, wie Anja Hemmerich erklärt. Sie ist bei der TMBW unter anderem für die „familien-ferien Baden-Württemberg“ verantwortlich. „Bei dieser Zielgruppe hat der Urlaub auf dem Bauernhof schon immer eine wichtige Rolle gespielt“, sagt sie, „doch wir wollen das Thema Landurlaub über den Bauernhof und das Reisen mit Kindern hinaus ausweiten.“

„Landurlaub ist hip“

Die Pandemie hat dem Landurlaub ebenfalls Zulauf und neue Urlauberinnen und Urlauber beschert, wie Constanze Bröhmer von der LAG erklärt. Familien, die sonst eher Strandurlaub gemacht haben, reisten auf die Bauernhöfe. „Einige von ihnen werden auch künftig kommen, weil sie es genießen, keine lange Anfahrt zu haben“, sagt sie. Außerdem findet man längst nicht mehr nur die klassische Zielgruppe „Familie mit Kind“ auf dem Bauernhof. Immer mehr Menschen wandern und radeln im Urlaub und suchen Unterkünfte im ländlichen Raum, so Bröhmer, „viele Paare nutzen auf unseren Höfen die Nebensaison.“

Zwar ist insgesamt die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe im Land rückläufig. „Vielen bietet aber der Tourismus die Möglichkeit, ihre Landwirtschaft fortzuführen“, erklärt Constanze Bröhmer. Außerdem gebe es Betriebe, die zwar die Landwirtschaft aufgeben, aber in die Vermietung einsteigen oder sie ausbauen. Das Angebot der rund 400 Mitgliedsbetriebe ist dabei vielfältig und umfasst Reiter-, Obst- und Wellnesshöfe. Auch Weingüter sind gelistet, ein Bereich, in welchen in den vergangenen Jahren laut Bröhmer besonders viel investiert worden sei. Es gibt zwar nach wie vor auch einfache Unterkünfte für den kleinen Geldbeutel, aber insgesamt ist mehr Qualität bei den Gästen gefragt: „Betriebe, die darauf setzen und hoch qualifizierte Ferienwohnungen haben, sind als erstes ausgebucht“, sagt die LAG-Geschäftsführerin.

„Früher hatte der Landurlaub etwas Angestaubtes, aber das Image hat sich gewandelt, jetzt ist er hip“, erklärt Manuela Heim, Sprecherin von Landtourismus-Marketing in Immenstadt. Das Unternehmen betreibt das Buchungsportal Landsichten, in dem unter anderem die Höfe gelistet sind, die bei der LAG Baden-Württemberg Mitglied sind. Das Angebot ist bei Landsichten allerdings breiter und umfasst außerdem Campingplätze, Schlösser, historische Mühlen und andere Quartiere.

Mit Treckersurfen und Kuhkuscheln

Zum einen sorgen eine höhere Qualität und besondere Quartiere wie Chalets im Alpenstyle und Hüttendörfer für den Imagewandel. Zum anderen würden die Betriebe ihren Gästen auch besondere Erlebnisse bieten. Treckersurfen, Kuhkuscheln, Waldbaden, Käsemachen und Seifenworkshops nennt Manuela Heim als Beispiele. „Nach wie vor sind aber Tiere ein wichtiger Punkt, der für den Landurlaub spricht“, sagt sie.

Das hat auch eine Untersuchung ergeben, die das Deutsche Wirtschaftswissenschaftliche Institut für Fremdenverkehr e. V. an der Universität München (dwif) 2020 im Auftrag der TMBW durchgeführt hat. Dabei wurden die Befragten gebeten, drei Begriffe zu nennen, die sie mit Landurlaub verbinden. Natur, (Urlaub auf dem) Bauernhof/Landwirtschaft und Ruhe lagen an erster Stelle. Dann folgten Erholung und Entspannung, Wälder, Wiesen und Felder sowie Tiere. „Dass der Urlaub auf dem Bauernhof eine so große Rolle spielt, war für uns eine Bestätigung dafür, wie wichtig diese Unterkunftsart ist“, sagt Anja Hemmerich von der TMBW. „Nun geht es darum, die interessanten Erlebnisse, die es um die Höfe herum bereits gibt, zu sammeln, zu bündeln und nach außen zu tragen.“

Regionale Produkte sind gefragt

Außerdem interessieren sich die Menschen verstärkt für regionale Erzeugnisse. „Die Nachfrage nach Betrieben mit eigener Produktion hat bei uns zugenommen“, berichtet Manuela Heim von Landsichten, „wobei das auch ein Imker oder Obsthof sein kann.“ Beim „Dorfurlaub“, einem Projekt der Schwarzwald Tourismus GmbH, spielen die Erzeugerinnen und Erzeuger der Region ebenfalls eine wichtige Rolle. Auch die Vespertouren, die verschiedene Naturparke in Baden-Württemberg aufgelegt haben, ermöglichen den Kontakt zu Bäuerinnen und anderen Produzenten – und sie stoßen auf großes Interesse. Dabei können Interessierte zu bestimmten Terminen eine Vespertüte bestellen und auf einem der beteiligten Höfe abholen.

In der Tüte finden sich Erzeugnisse regionaler Produzentinnen und Produzenten, Vorschläge für eine Rundwanderung und Tipps für Picknickplätze, wie Kirsten Schille vom Naturpark Obere Donau e. V. in Beuron erklärt. „Das Angebot wird bisher vor allem von Menschen aus der Region genutzt“, sagt Schille, „viele Erzeuger berichten uns, dass sie dadurch neue Kunden für ihre Hofläden gewonnen haben.“ Ein Effekt, den die Urlaubsbauernhöfe ebenfalls kennen: Einige ihrer Gäste bestellen von zuhause aus weiterhin Marmelade und andere Dinge bei ihnen.

Regionaler Genuss spielt auch beim Angebot von Andreas Widmann eine entscheidende Rolle. Vor einigen Jahren kehrte er mit seiner Frau in den elterlichen Betrieb, „Widmann’s Löwen“ in Königsbronn-Zang, zurück. Dabei war klar: „Wir wollen das Haus als Auszeit-Genuss-Destination weiterentwickeln.“ Von der Forstverwaltung Baden-Württemberg kaufte Widmann ein ausgedientes Forsthaus und eine Jagdhütte und ließ sie restaurieren – als Ergänzung zu den schon vorhandenen Hotelbetten. So sind zwei luxuriöse Chalets entstanden mit natürlichen Materialien, einer eigenen Sauna, Kaminofen, Weinklimaschrank und Blick ins Grüne.

Auch sie zählen zu den von der TMBW ausgezeichneten Hideaways und sind seit zwei Jahren ständig ausgebucht, wie Andreas Widmann erklärt. Wie im Chalet an der Brettach kommen seine Gäste nicht unbedingt wegen der Ostalb. „Zang findet sich auf keiner touristischen Landkarte“, sagt er. Aber seit sein Restaurant „ursprung“ 2019 mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde, ist die Auslastung deutlich gestiegen. „Bei uns ist die Kulinarik der Anziehungspunkt“, sagt er, „und wir sind das einzige Haus in ganz Deutschland, das Chalet-Urlaub mit einer Sterneküche bietet.“

INFORMATION

urlaub-bauernhof.de

landsichten.de

vermietungsagentur-hohenlohe.de

 

Eine gedruckte Fassung dieses Textes erschien in der jüngsten Ausgabe des Magazins Tourismus Aktuell. Darin informiert die TMBW zweimal im Jahr über aktuelle Trends und Entwicklungen im Tourismus. Das Magazin kann kostenlos bestellt oder abonniert werden.

Ansprechpartner:
Dr. Martin Knauer
m.knauer@tourismus-bw.de

Bildnachweis: TMBW/Raatz


Autor(in): Oliver Gelhardt
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
E-Mail: o.gelhardt@tourismus-bw.de
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