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Urlaubsreisen: Sinn oder Spaß?

29. Oktober 2021
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Urlaub soll vor allem Spaß machen. Zugleich stellen immer mehr Menschen die Sinnfrage und wollen auch bei Reisen außergewöhnliche Erfahrungen machen. Welcher der beiden Trends ist stärker und inwiefern hat die Corona-Krise diese Entwicklungen beeinflusst?

Ein Klosteraufenthalt ist ein ganz besonderes Erlebnis. Weit weg vom Alltag, inmitten der abgeschiedenen Welt der Mönche und Nonnen ein paar Urlaubstage zu verbringen: danach sehnen sich viele Menschen. Tatsächlich bieten viele noch aktive Klöster Gästen die Möglichkeit an, bei ihnen zu übernachten. Für zahlreiche klösterliche Gemeinschaften ist das ein wichtiges Zubrot.

Schaut man jedoch genauer hin, verbringen nur wenige Urlauberinnen und Urlauber wirklich monastische Tage in der Abgeschiedenheit der Klausur. Es sind die Gästehäuser außerhalb des eigentlichen Klostertrakts, die Menschen in großer Zahl anlocken: Yoga-Gruppen, Meditationskurse, Einzelreisende, die zur Ruhe und Besinnung kommen möchten. Sie sind auf der Suche nach einer klösterlichen Atmosphäre, streben aber nur selten das streng geistliche Leben der Konventsmitglieder an.

Entsprechend hochwertig fallen viele der Neubauten aus. Das karge Pilgerquartier ist nicht jedermanns Sache, viele schätzen auch dort, wo es nicht um Luxus und reines Vergnügen geht, den Komfort einer Unterkunft. Die Beschränkung aufs Wesentliche ist gut, aber bitte mit Dusche und WC und bequemen Matratzen.

Urlaub wird neu definiert

Immer häufiger suchen Menschen im Urlaub das besondere Erlebnis, wollen mehr mit nach Hause nehmen als nur den puren Spaß und das ausgelassene Vergnügen. Auf diesen Trend hat die Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (TMBW) mit ihrem aktuellen Themenschwerpunkt „Entspannter Süden“ ausdrücklich reagiert. Das ganze Jahr über stehen Angebote zu Entschleunigung und Achtsamkeit im Mittelpunkt der landesweiten Vermarktung. Die Bandbreite reicht von Pilgerwegen über Slowfood bis zu Yoga auf dem Wasser.

Auch Hansjörg Mair, Geschäftsführer der Schwarzwald Tourismus GmbH (STG), stellt diesen Trend fest: „Man will sich etwas Gutes tun, aber nicht mehr nur konsumieren.“

Sein Verband ist gerade dabei, diese besonderen Urlaubsformen zu bündeln und für Gäste zentral abrufbar zu machen: Waldbaden, Weitwandermöglichkeiten, meditatives Selbstfinden, Klosteraufenthalte, Yoga- und Ayurveda-Kurse. „Es gibt eine Menge Sehnsüchte“, sagt Mair, „denen inzwischen ja auch zahlreiche Angebote gegenüberstehen.“

Im Naturpark Südschwarzwald wird gerade auch modellhaft die Mitarbeit in Umwelt- und Naturschutzprojekten erprobt, im Rahmen eines bundesweiten Modellprojekts zum sogenannten Voluntourismus. Wer will, kann dort bei der Biotop-Pflege aktiv werden, wochenlang, aber auch nur tage- oder stundenweise. Derzeit werden noch Kooperationsmöglichkeiten bei den touristischen Anbietern gesucht.

Arbeiten im Urlaub: „Das ist zwar nur eine kleine Nische“, sagt TMBW-Geschäftsführer Andreas Braun, „aber dort, wo es mit klassischen Angeboten kombiniert wird, eine durchaus interessante Perspektive.“ Tatsächlich boomen Erlebnismöglichkeiten, bei denen Gäste einen Tag im Weinberg mithelfen können, den Winzerinnen und Winzern bei der Arbeit über die Schulter schauen und ihnen dabei zur Hand gehen dürfen.

„Die Zahl derer, die nur Spaß haben wollen, nimmt ab“, schätzt Andreas Braun, „aber vielleicht müssen wir auch Spaß neu definieren.“ Erlebnisangebote mit Sinn sozusagen, die von den Idealen eines nachhaltigen Tourismus geleitet sind. „Da haben wir hierzulande gute Chancen und können etwas zeigen,“ sagt Braun.

Auch der Tourismusforscher Professor Torsten Kirstges von der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven sieht eine zunehmende Ausdifferenzierung im Reiseverhalten. „Man macht nicht mehr nur eine Sache im Urlaub, sondern viele verschiedene Dinge.“ Will heißen, der reine Bade- oder Bergurlaub wird immer seltener. Stattdessen suchen die Menschen eine Vielfalt von Erlebnismöglichkeiten.

Hürden müssen niedrig sein

Kirstges warnt jedoch davor, die Themen Sinn und Nachhaltigkeit als reine Selbstläufer zu sehen. So gebe es beim Gros der Reisenden eine Diskrepanz zwischen dem, was sie theoretisch befürworten und dem, was sie praktisch umsetzen: Beispielsweise habe die weit verbreitete Flugscham zu keiner erkennbaren Reduktion des Flugverkehrs geführt und nur ein verschwindend geringer Anteil der Gäste zahle tatsächlich eine Kompensationsabgabe für CO2-Emissionen: „Wenn es teurer wird und um Verzicht geht, hört es bei vielen auf.“

Auch Michael Braun, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Mittelgebirge hält Nachhaltigkeit alleine für kein gutes Verkaufsargument: „Mit dem Begriff erreichen Sie im Tourismus wenig.“ Wohl aber mit dem, was sich dahinter verbirgt: Regionalität und umweltverträgliche Mobilität kommen gut an, wenn sie den Gästen einen Vorteil bringen. Wer im Rahmen einer Übernachtung kostenlos Bus und Bahn fahren kann, findet das gut, wer als Restaurantgast hervorragendes Fleisch und Gemüse vom Bauernhof um die Ecke auf den Teller bekommt, ebenfalls.

Wenn Bauer und Bäuerin dann auch noch einen Hofladen haben, den man besuchen kann, ist das umso erfreulicher. Bieten sie obendrein eine Stallführung und die Mitarbeit beim Heumachen an, wird daraus ein richtiges Erlebnisangebot. Der Duft des Landlebens, von dem vor allem Stadtmenschen träumen: Wer hier einen niedrigschwelligen Zugang bietet, rennt bei vielen Gästen offene Türen ein. Die sind empfänglich für besondere Erlebnisse, wollen in den seltensten Fällen aber eine ganze Saison auf der Hochalm verbringen.

Reisen in Zeiten des Klimawandels

Vor allem bei jungen Reisenden sind sinnstiftende und nachhaltige Angebote gefragt. Der Begriff „Purpose“ macht hier derzeit die Runde. Er steht für Absicht, Aufgabe, Zweck, Ziel, aber auch Haltung. Was ist die Philosophie eines Unternehmens, aber auch eines Reiseanbieters? Was bedeutet es für das Gemeinwohl und die Umwelt, wenn ich auf bestimmte Art und Weise reise?

Eine Weile sah es danach aus, als könnte der Tourismus bei der Fridays-for-Future-Bewegung vollends unter die Räder kommen. Nicht wenige forderten ein Ende der Flugreisen und einen weitgehenden Verzicht auf Mobilität: Tourismus als Feind des Klimas und des globalen ökologischen Gleichgewichts.

Inzwischen ist die starre Haltung einer Vielfalt an Positionen gewichen, mit dem Ergebnis, dass das Reisen selbst bei Klimaaktivistinnen und -aktivisten in den meisten Fällen nicht mehr grundsätzlich verteufelt, sondern hinterfragt wird: Wie ist man unterwegs, mit welchem Verkehrsmittel und wie oft findet eine Reise statt?

Ausdruck dieser Entwicklung ist auch das Buch der 33-jährigen Autorin Jacqueline Albers mit dem Titel „Gute Reise“. Es ist ein Leitfaden für nachhaltiges Unterwegssein, der schon im Vorwort deutlich macht: „Nicht reisen ist nicht nachhaltig.“ Der Verzicht auf touristische Aktivitäten wäre ein Verlust – nicht nur für diejenigen, die reisen, sondern auch für die Menschen in fernen Ländern, die davon leben.

So spricht sich Albers gegen eine Pauschalverurteilung bestimmter Reiseformen aus und schließt dabei die Flugreisen ausdrücklich ein: Ferne Kulturen seien realistischerweise nur eben auf diesem Wege zu erreichen. Der Kurztrip hingegen mit dem Flieger ist für sie tabu, der Aufenthalt in einem All-inclusive-Resort ebenfalls.

Darüber hinaus bleibt sie offen: Selbst Kreuzfahrten und Luxus-Hotels werden einer kritischen Prüfung unterzogen – und bekommen im Einzelfall sogar gute Noten. „Verbote führen nicht zum Ziel“, lautet ihre Position, eher will sie mit ihrer Kritik die Reisebranche verändern und zu einem Wettbewerb um mehr Nachhaltigkeit anstacheln.

Dass es dabei stets auch um Glaubwürdigkeit und authentische Erfahrung geht, ist wichtiger denn je. „Arrangierte Folklore ist längst nicht mehr gefragt“, sagt auch TMBW-Geschäftsführer Andreas Braun. Echte Begegnungen hingegen werden in den meisten Fällen geschätzt, ein ehrlicher Blick hinter die Kulissen, der mehr ist als eine reine Werbeveranstaltung.

Aus all dem setzt sich das Image einer Destination zusammen, das durchaus eine Rolle bei der Reiseentscheidung spielt. Die Sensibilität hat zugenommen, und geprüft werden dabei keineswegs nur die touristischen Angebote, sondern eben auch, wie sich das Gesamtbild einer Region darstellt – inklusive der Menschen, ihrer politischen Haltungen und der langfristigen ökosozialen Ausrichtung, die dort vorherrscht.

Corona: die große Unbekannte

Und was ist mit denen, denen solche Fragen komplett egal sind, die nur Spaß haben und sich richtig austoben wollen? Hat nicht die Corona-Krise gezeigt, dass das Bedürfnis nach dem reinen Vergnügen letztlich überwiegt? Der Begriff „Revenge Tourism“ steht für diese Richtung, das Nachholen der entgangenen Freuden, die künftig umso hemmungsloser ausgelebt werden.

Die meisten Fachleute sehen hier nur einen kurzfristigen Effekt. „Nach Corona wird sich alles wieder einpendeln“, sagt etwa der Tourismusforscher Torsten Kirstges und auch Schwarzwald-Geschäftsführer Hansjörg Mair geht davon aus, dass es irgendwann wieder internationale Reisen geben wird. Die punktuellen Auswüchse, die es in Zusammenhang mit Corona gibt und gegeben hat, beobachtet Mair nur im Tagestourismus. Ventil-Effekte, die vor allem damit zusammenhingen, dass es zeitweise nur ganz wenige Möglichkeiten gab, überhaupt etwas zu unternehmen.

Die generelle Frage, inwiefern die Corona-Krise das Reiseverhalten verändert hat, ist ohnehin recht schwierig zu beantworten: „Achtsamkeit und Sensibilität haben weiter zugenommen“, sagt TMBW-Geschäftsführer Andreas Braun, und mancher habe die Vorzüge des Reisens im eigenen Land kennengelernt. Torsten Kirstges rechnet damit, dass Fragen des gesundheitlichen Risikos von Reisen und der Sicherheit längerfristig im Vordergrund bleiben könnten. Und an eines haben sich die Leute laut Kirstges gewöhnt: Die Flexibilität beim Umbuchen und Stornieren. Das finden die meisten Reisenden schlicht gut – egal ob sie nun Spaß- oder Sinnsuchende sind.

 

BUCHTIPP

Im Verlag Reisedepeschen ist gerade ein Handbuch für nachhaltiges Reisen erschienen. Die Berliner Autorin Jacqueline Albers hat eine nach Themen geordnete Analyse des umwelt- und sozialverträglichen Tourismus vorgelegt. Ein Kapitel ist auch der fast unüberschaubaren Vielzahl von Labels und Umweltzertifikaten gewidmet.

Jacqueline Albers: Gute Reise. Handbuch für nachhaltiges Reisen, Berlin (Reisedepeschen) 2021, 192 Seiten, 22 € (ISBN: 978-3-96348-017-1)

 

INFORMATION

Eine gedruckte Fassung dieses Textes erschien in der jüngsten Ausgabe des Magazins Tourismus Aktuell. Darin informiert die TMBW zweimal im Jahr über aktuelle Trends und Entwicklungen im Tourismus. Das Magazin kann kostenlos bestellt oder abonniert werden.

Ansprechpartner:
Dr. Martin Knauer
m.knauer@tourismus-bw.de

Bildnachweis: Cross Media Redaktion/Joachim Negwer


Autor(in): Oliver Gelhardt
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
E-Mail: o.gelhardt@tourismus-bw.de
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2 Kommentare

Kommentare




  1. Vielen Dank für die gute Empfehlung.

    1. Oliver Gelhardt sagt:

      Sehr gerne!

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