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Konkreter Handlungsbedarf beim Klimawandel

Der Tourismus in Baden-Württemberg bekommt den Klimawandel immer mehr zu spüren – und muss sich entsprechend anpassen. Wie das geht und was auf die Branche zukommen wird, waren Inhalte der jüngsten Videosprechstunde „TMBW-Branchentalk“ am vergangenen Dienstag. Dabei wurde in der von TMBW-Geschäftsführer Andreas Braun moderierten Runde deutlich, dass sich der Tourismus angesichts der sich abzeichnenden Beeinträchtigungen noch stärker mit wichtigen Entscheidungsträgern vernetzen und seine Bedürfnisse kommunizieren muss.

Zum Gespräch konnte Andreas Braun diesmal gleich drei Fachleute begrüßen. Thomas Dworak ist Direktor der Fresh Thoughts Consulting GmbH. Er leitete zwischen 2017 und 2021 im Auftrag des Umweltbundesamts ein grundlegendes Forschungsprojekt zu den Auswirkungen des Klimawandels auf den Tourismus. „Der Wintertourismus wird schon jetzt beeinträchtigt, der Sommertourismus könnte angesichts anhaltender Hitzewellen in Zukunft immer stärker betroffen sein“, sagte Dworak. Er sieht steigende Kosten auf die Branche zukommen, um die Infrastruktur, also beispielsweise Rad- und Wanderwege, zu erhalten.

Ute Dicks, Geschäftsführerin des Deutschen Wanderverbands, beschrieb, dass die Trockenheit, die man sonst eher aus Brandenburg als einer der trockensten Regionen Deutschlands kennt, langsam auch in den Mittelgebirgen Einzug hält. Auch dort komme es vermehrt zu Waldbränden. Gäste müssten stärker über die veränderten Gegebenheiten im touristischen Angebot informiert werden.

Die stellvertretende Leiterin des Nationalparks Schwarzwald, Britta Böhr, ergänzte, dass Baden-Württemberg auf zunehmende Extremereignisse wie Waldbrände nicht vorbereitet sei. Es fehle beispielsweise an Löschflugzeugen. Das Thema Hitze mache sich in der Nationalparkregion auch auf andere Weise bemerkbar. Es sei ein höherer Besucherandrang in den Höhenlagen feststellbar, da die Temperaturen dort oft noch erträglicher seien als in den Tälern des Schwarzwalds. Aber auch die Pandemie und das gesteigerte Naturbedürfnis würden diese Tendenz beeinflussen.

Thomas Dworak stellte im Rahmen des TMBW-Branchentalks das digitale Klimainformationssystem „Klimawandel und Tourismus“ vor, das ein Ergebnis seiner Forschungsarbeit der letzten Jahre ist. Über das mit zahlreichen Daten gefütterte Dashboard können sich Destinationsmanagerinnen und -manager über vergangene und mögliche langfristige Auswirkungen des Klimawandels in ihrer Region informieren.

 

In der Diskussion über mögliche Ansatzpunkte für den Tourismus, klimafreundlich zu agieren, nahm das Thema Mobilität viel Raum ein. „Wir brauchen ein neues, verbundübergreifendes Ticketsystem“, fordert Ute Dicks, um den öffentlichen Nahverkehr in der Fläche attraktiver zu gestalten. Thomas Dworak spricht sich dafür aus, in der Information über Anfahrtsmöglichkeiten zu touristischen Attraktionen den ÖPNV künftig voranzustellen. Der Bereich müsse um immer neue Konzepte und Angebote erweitert werden, um dazu zu animieren, das Auto stehen zu lassen und es in der Konsequenz sogar überflüssig zu machen. Britta Böhr gab Einblicke in das sich zunehmend entfaltende Verkehrskonzept des Nationalparks Schwarzwald, das bereits eine erhöhte Taktung berücksichtigt und die Nutzung des Nahverkehrs mit digitalen Informationsangeboten so einfach wie möglich gestalten soll.

Als weiterer Ansatz, dem Klimawandel im Tourismus entgegenzutreten, wurde die Stärkung der regionalen Landwirtschaft genannt. Genauso könnten Tourismusabgaben noch mehr in Klimaschutzprojekte und -maßnahmen investiert werden. Der Bereich der CO2-Kompensation, vornehmlich mit regionalen Projekten, werde auf Ebene der touristischen Managementorganisationen noch zu wenig berücksichtigt. Andreas Braun verwies in dem Zusammenhang außerdem auf die neue Fördermaßnahme „LIFT Klima“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz, die Modellprojekte zur Stärkung des Klimaschutzes im Tourismus unterstützen soll.

 

In der anschließenden Umfrage unter den Teilnehmenden der Videosprechstunde bestätigten sich die Ausführungen der Fachleute. Unter den am häufigsten beobachteten Auswirkungen des Klimawandels befinden sich die Veränderung des Landschaftsbilds, u. a. durch das Baumsterben, oder auch der zunehmende Wassermangel. Für die Zukunft wird eine weitere Verschlechterung der Lage erwartet, einhergehend mit erhöhten Gefahren durch Extremereignisse und einem Verlust an Biodiversität. Bei der Frage nach Anpassungsstrategien fiel immer wieder das Stichwort Sensibilisierung, sowohl für Besucherinnen als auch Gastgeber. Es müssten Anreiz- bis hin zu Belohnungsmodelle für klimafreundliches Verhalten geschaffen werden, wobei auch hier der öffentliche Nahverkehr aus Sicht der Teilnehmenden eine wichtige Rolle spielt.

Die Gästeinformation über die Auswirkungen des Klimawandels während des Urlaubs sei zudem wichtig. Ein Punkt, den Britta Böhr bereits zuvor thematisierte: „Was nimmt der Gast nach Hause? Was könnte der eigene Beitrag zum Klimaschutz sein?“ Aus Sicht von Thomas Dworak dürfe man es hier aber auch nicht zu weit treiben. Urlaub solle trotz allem schließlich immer noch Erholung sein. Klimaschutz und Tourismus: Es bleibt ein Spannungsfeld.

 

INFO

Umfangreiche Informationen zum Thema “Anpassung an den Klimawandel im Tourismus” hat das Umweltbundesamt hier zusammengestellt. Dort kann auch die von Thomas Dworak koordinierte Studie “Folgen des Klimawandels für den Tourismus in den deutschen Alpen- und Mittelgebirgsregionen und Küstenregionen sowie auf den Badetourismus und flussbegleitende Tourismusformen” kostenlos heruntergeladen werden. Sehr zu empfehlen ist auch der vom Umweltbundesamt herausgegebene Handlungsleitfaden “Anpassung an den Klimawandel: Die Zukunft im Tourismus gestalten“.

Als bislang einziges Bundesland hat Niedersachsen gerade eine detaillierte Analyse zu möglichen Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel in den 15 Reiseregionen des Landes umgesetzt. Über die Studie “Klimawandel anpacken – Anpassungsstrategien für den Tourismus in Niedersachsen” informiert das Tourismusnetzwerk Niedersachsen.

 

 

 



Autor(in): Oliver Gelhardt
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
E-Mail: o.gelhardt@tourismus-bw.de
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