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Es fehlt ein Streckennetz

Mountainbiken (MTB) boomt wie nie zuvor. Das E-Mountainbike (EMTB) hat die Entwicklung noch einmal beschleunigt. Die komplizierte Rechtslage erschwert jedoch das Ausweisen von Strecken. Auf der Schwäbischen Alb startet derweil ein deutschlandweites Pilotprojekt, das eine einheitliche MTB-Beschilderung zum Ziel hat.

Der Wald ist voll. Mit der Corona-Krise hat die Zahl der Mountainbikenden noch einmal erheblich zugenommen. Vor allem das E-Mountainbike sorgt dafür, dass auf fast allen Wegen immerzu Rad gefahren wird. Die Schwarzwald Tourismus GmbH (STG) untersucht dabei regelmäßig die Konfliktlage zwischen Mountainbikern und Wanderinnen, mit einem ganz erstaunlichen Ergebnis: Die tatsächlichen Zwischenfälle und Probleme sind weitaus geringer, als man meinen könnte.
„Nur drei bis fünf Prozent der Wanderer fühlen sich von Mountainbikern wirklich gestört“, berichtet Sascha Hotz, Leiter Produkt, Themen und Print bei der STG. In den allermeisten Fällen geht man höflich und rücksichtsvoll miteinander tun, zumal dem Gros der Mountainbikenden durchaus bewusst ist, dass sie sich auf dünnem Eis bewegen: Grundsätzlich ist die Benutzung von Wegen, die schmaler als zwei Meter sind, in Baden-Württemberg nämlich verboten.
Das ist einmalig in Deutschland und sorgt für eine kuriose Situation: Weil in der Realität niemand die Regel kontrolliert und Übertritte auch nicht sanktioniert werden, fahren im Grunde alle, wo sie wollen. Während offiziell das Mountainbiken in den Wäldern des Landes stark eingeschränkt ist, kursiert im Internet eine Vielzahl von Routenvorschlägen, mit einem Wildwuchs, der kaum noch zu überschauen ist.

Noch viel Streit ums Mountainbiken

Eine Lösung läge in der Ausweisung geeigneter, legaler Mountainbike-Strecken. Doch das ist ausgesprochen kompliziert. „Viele Initiativen bleiben wegen der Einsprüche einzelner stecken“, weiß Thomas Beyrer, zuständig für Rad- und Wandertourismus bei der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (TMBW). Jedes Schild muss genehmigt, jeder Abschnitt mit der Person, die das Grundstück besitzt, geklärt werden.
Die Abschaffung der Zwei-Meter-Regel gehört deshalb schon seit Jahren zu den Hauptforderungen zahlreicher Tourismusfachleute und Mountainbike-Vereine. „Viel sinnvoller wäre es, natursensible Bereiche gezielt zu sperren“, sagt etwa der Vorsitzende des mitgliederstarken Mountainbike-Clubs Karlsruhe, Holger Fenske. Mehr als eine Menge Ärger habe die Zwei-Meter-Regel nicht gebracht, die dringend notwendige Ausweisung eines brauchbaren Streckennetzes werde dadurch jedenfalls erschwert und zum Teil unmöglich gemacht.
Dabei tut eine Besucherlenkung dringend Not. Seit auch bei den Mountainbikes der E-Motor auf dem Vormarsch ist, explodieren die Zahlen. 2019 verkaufte die Branche erstmals mehr E-Mountainbikes als herkömmliche Fahrräder, in der Corona-Krise hat sich der Anteil weiter verschoben. Dabei steigt sowohl der Anteil des EMTB als auch die Gesamtzahl der verkauften Geländeräder immer weiter an. Ein Markt, auf dem richtig viel Geld ausgegeben wird: Waren Fahrräder im Wert von 3.000 Euro vor zehn Jahren noch die Ausnahme, so ist das heute die Regel. Die teuersten Modelle kosten ein Vielfaches.

E-Bikes stärken die Nachfrage

Längst sind es nicht mehr nur die jungen Sportiven, die sich aufs Mountainbike schwingen. „Durch das E-Mountainbike sind nun auch die Genussfahrerinnen und -fahrer in diesem Bereich angekommen“, sagt Thomas Beyrer von der TMBW. Die Corona-Krise hat diese Entwicklung noch einmal erheblich beschleunigt – Tendenz weiter steigend.
Damit ist das Mountainbiken zu einem Massenphänomen geworden. Selbst sportlich Ambitionierte legen sich oft ein EMTB als Zweitrad zu, vor allem, wenn sie älter werden. Mit dem Ergebnis, dass die Frequenz auf den Wegen immer weiter zunimmt und man zuweilen den Eindruck hat, es sind mehr Mountainbikerinnen als Wanderer unterwegs.
„Das E-Mountainbike ist letztlich das, was für die Touristik relevant ist“, lautet die Einschätzung von Sascha Hotz. Menschen, die Urlaub machen und schöne Strecken befahren wollen, suchen nach Vorschlägen, die sie bisher in nicht ausreichender Zahl finden.
Immerhin: Einzelne Regionen preschen vor und beschreiten den komplizierten Abstimmungsweg mit den Behörden. Baiersbronn im Nordschwarzwald etwa, wo elf Touren mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden ausgewiesen wurden, ein Drittel davon schmale Singletrails. Ein Verhaltenskodex regelt das Miteinander an den Stellen, wo sich Fußgängerinnen und Radfahrer begegnen.
Bezeichnenderweise trägt das Projekt den Namen „Mountainbiking im Baiersbronner Wanderhimmel“. Das eine schließt das andere nicht aus, dafür gab es 2018 den „Design und Innovation Award“ der Fahrradbranche und 2017 bereits den Radtourismuspreis Baden-Württemberg.
Auch in Freiburg ist ein beachtliches Streckennetz für Mountainbikende entstanden. Viele Radsport-Vereine sind hier involviert. Auch Albstadt hat sich einen Namen mit seinen Mountainbike-Strecken gemacht und für die sogenannten Trailsurfer aus dem Bottwartal gab es 2020 einen Outdoor-Award der TMBW.
Es fehlt also nicht an Ideen und Initiativen. All das hat bisher freilich nicht zum Aufbau eines wirklichen Radwegenetzes für Mountainbikende gesorgt. Es bleibt bei Insellösungen, die letztlich zu wenig sind für die große Nachfrage, die es im Land gibt.
Dabei haben selbst klassische Wandervereine das Mountainbike für sich entdeckt. Längst werden unter dem Dach des Schwarzwaldvereins und Schwäbischen Albvereins Mountainbike-Touren angeboten, zumal man damit auch jüngere Menschen gewinnen kann, die bei den klassischen Vereinswandertouren eher Mangelware sind.

Dem Schilderwald ein Ende setzen

Welche Bedeutung das Thema Mountainbiking für den Schwäbische Alb Tourismusverband (SAT) hat, zeigt sich an der Tatsache, dass dort im Sommer ein deutschlandweites Pilotprojekt begonnen hat, das die Beschilderung von MTB-Strecken regeln soll. In jahrelanger Kleinarbeit wurde ein Leitfaden entwickelt, der wegweisend für künftige Streckenplanungen ist.
Dabei geht es einerseits um eine Vereinfachung des oft unübersichtlichen Schilderwalds, andererseits um eine Vereinheitlichung: Überall, wo Mountainbikende unterwegs sind, sollen sie mit den gleichen Symbolen konfrontiert werden, die alle möglichst so angebracht sind, dass man sie aus der rollenden Bewegung heraus leicht erfassen kann.
„Der Blick des Gastes ist das Entscheidende“, sagt Ursula Teufel, die beim SAT den Bereich Radtourismus verantwortet. 2019 hatte sie beim Mountainbike-Kongress in Bad Orb den Zuschlag für die Entwicklung eines Systems bekommen, das leicht übertragbar und praxisorientiert ist. Kooperationspartner sind dabei das Mountainbike-Forum Deutschland und das Landesverkehrsministerium: Die MTB-Beschilderung soll nämlich kompatibel zu dem von der Forschungsgesellschaft des Straßen- und Verkehrswesens erstellten FGSV-Standard der sonstigen Radwegbeschilderungen sein.
Überall dort, wo Mountainbike-Strecken parallel zu anderen offiziellen Radwegen verlaufen, wird es künftig keine Extraschilder mehr geben, sondern nur kleine Zusatztafeln, die eingehängt werden. „Ein Schild statt zwei oder drei“, lautet die Devise, die auch für etwas mehr Klarheit in der Wegweisung sorgen sollte. „Es gibt bisher keinen einheitlichen Beschilderungsstandard“, sagt Ursula Teufel, „und den wollen wir jetzt schaffen.“
Zu diesem Standard gehört auch die Markierung von Schwierigkeitsgraden, die den FIS-Normen beim Skifahren entspricht: Schwarz steht für sehr schwierig, Rot für mittel, Blau für leicht. Dazu kommt die Farbe Grün für sehr leicht. „Die meisten suchen einfache Strecken“, weiß Ursula Teufel, und spielt damit auf die große Zahl der Neueinsteigerinnen und -einsteiger an, die dank des EMTB nun auf Mountainbike-Wegen unterwegs sind.
Sie alle sollen problemlos den Weg finden, ohne dabei unterwegs in die Karte oder das Smartphone schauen zu müssen. Es gibt Basiswegweiser mit Pfeil, Nummer und Farbmarkierung, Infotafeln, die über die Länge und das Höhenprofil Auskunft geben, POI-Tafeln, die attraktive Punkte benennen, und Trail-Wegweiser für besonders interessante Streckenabschnitte.
Umgesetzt wird der neue Beschilderungsleitfaden nun erstmals auf den Löwentrails im Landkreis Göppingen. Jede neue MTB-Strecke wird dort nach eben diesem System durchgängig ausgezeichnet. Übrigens immer nur in eine Richtung, „weil wir Begegnungsverkehr vermeiden wollen“, sagt Ursula Teufel.
Derweil ist ein Ende des Mountainbike-Booms nicht abzusehen. Die Begegnungen mit Wandernden sind dabei unvermeidlich. Zahlreiche Regionen initiieren deshalb Verhaltenskampagnen, die das Konfliktpotenzial minimieren und deeskalierend wirken sollen. „Rücksicht macht Wege breiter“, lautet etwa der Titel einer solchen Initiative des Landkreises Göppingen und der Erlebnisregion Schwäbischer Albtrauf. Auch die Schwarzwald Tourismus GmbH appelliert regelmäßig an die Vernunft und Höflichkeit aller Beteiligten: „Wenn ich von Radfahrenden erst mal freundlich gegrüßt werde“, sagt Sascha Hotz von der STG, „fällt es erheblich schwerer, sich über sie aufzuregen.“

Der Beitrag unseres Autors Andreas Steidel ist eine gekürzte Fassung seines Artikels in der jüngsten Ausgabe des Magazins „Tourismus Aktuell“. Darin informiert die TMBW zweimal im Jahr über aktuelle Trends und Entwicklungen im Tourismus. Das Magazin kann kostenlos heruntegreladen, bestellt oder abonniert werden.

Ansprechpartner für “Tourismus Aktuell”:
Dr. Martin Knauer
m.knauer@tourismus-bw.de



Autor(in): Tim Müller
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Projektmanager Kommunikation & Koordination
E-Mail: t.mueller@tourismus-bw.de
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