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Klimaanpassung als neue Aufgabe im Tourismus

Lähmende Hitze in der Stadt, Schneemangel in den Bergen, Dürre im Wald: Der Klimawandel hat Folgen für den Tourismus – und zwar schon heute. Kurorte, Städte und Regionen müssen sich frühzeitig anpassen, um attraktiv für Urlauberinnen und Urlauber zu bleiben.

Im Sommer 2022 rollten Hitzewellen durchs Land, als müsse man den letzten Zweiflern beweisen, dass der Klimawandel kein Märchen ist. Laut Prognose des Weltklimarates könnte die Erderwärmung schon ab 2030 bei 1,5 Grad liegen. Welche Folgen das für den Wintertourismus hat, veranschaulicht Jürgen Schmude, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und wissenschaftlicher Leiter des Bayerischen Zentrums für Tourismus: „Bei einem Grad Erwärmung steigt die Schneegrenze um 150 Höhenmeter. Das heißt, 2050 haben wir in Deutschland vielleicht noch zwei, drei Skigebiete, alles andere wird verschwinden.“ Beim Wintersport sind die Folgen am offensichtlichsten, aber nicht nur er ist betroffen. „In Kurorten und Heilbädern besteht die Gefahr, dass sie nicht nur ihre Attraktivität verlieren, sondern auch ihre Prädikate, wenn beispielsweise die Luftqualität nicht mehr stimmt“, sagt Experte Schmude.
Selbst Regionen, die vom Klimawandel profitieren, werden nicht unbedingt lange Freude daran haben. Wenn sich der Bodensee und andere Gewässer aufheizen, könnte das zwar die Badesaison verlängern, aber es birgt Gefahren fürs ökologische Gleichgewicht und die Wasserqualität. Auch waldreiche Destinationen zählen zunächst zu den Gewinnern. So hat sich die Saison im Hochschwarzwald deutlich verlängert, wie Thorsten Rudolph, Geschäftsführer der Hochschwarzwald Tourismus GmbH, erklärt: „Vor 15 Jahren war Mitte Oktober Schluss. Heute ist die Herbstsaison für Wanderer und Radler bis November angenehm – und sie geht nahtlos in die Weihnachtsmarktsaison über.“

Getrübte Reiseerlebnisse

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite kann die wachsende Nachfrage für sensible Regionen zum Problem werden. Britta Böhr, stellvertretende Leiterin des Nationalparks Schwarzwald, sprach beim digitalen Branchentalk der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg (TMBW) im Juli vom Besucherdruck. Er war schon in Zeiten der Corona-Krise groß, nun habe er in den Höhenlagen durch die Hitze noch einmal zugenommen. Durch die Dürre sterben außerdem Bäume, Stürme und Starkregen setzen ihnen und auch den Rad- und Wanderwegen zu. Die Kosten, um die Wege zu sichern und zu erhalten, werden künftig steigen.

Außerdem kann das Wandererlebnis getrübt sein: Abgestorbene Bäume sind kein schöner Anblick und wenn eine Familie sich für eine sommerliche Tour an einem Bach entscheidet, der dann gar kein Wasser führt, ist die Enttäuschung groß. Ganz zu schweigen von der Waldbrandgefahr, die durch lange trockene Perioden steigt. „Wir haben hier keine Löschflugzeuge wie in Frankreich oder Spanien, uns fehlt die Infrastruktur. Wir können nur hoffen, dass diese Gefahr an uns vorübergeht“, erklärt Thorsten Rudolph vom Hochschwarzwald.

Anpassungen sind notwendig

„Der Klimawandel ist zu einer zentralen Herausforderung auch für unsere Branche geworden“, sagte TMBW-Geschäftsführer Andreas Braun in seiner Audio-Kolumne „Brauns Schlagzeile“ in diesem Sommer. Katastrophen wie 2021 im Ahrtal seien auch in Baden-Württemberg denkbar, und das sich jetzt schon verändernde Landschaftsbild bereite ihm Sorgen. Deshalb müssen Touristikerinnen und Touristiker ihre Angebote prüfen und anpassen. Das können schattige Rastmöglichkeiten auf Wanderwegen sein, wie Thomas Beyrer, Themenmanager Natur und Wohlsein bei der TMBW, erklärt. Oder ein vom Schnee unabhängiges Angebot, wie es der Hochschwarzwald schon hat. „Unser Wanderwegenetz wird auch im Winter gepflegt, es gibt außerdem das Badeparadies oder die Rodelbahn ‚Hasenhorn Coaster‘ für schneelose Tage“, sagt Thorsten Rudolph, „wir sind eine Wintererholungsregion, in der man nicht immer auf den Skiern stehen muss.“
Doch das Thema ist längst nicht überall angekommen. Das hat auch Andreas Matzarakis vom Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung beim Deutschen Wetterdienst (DWD) in Freiburg erlebt. Die Forschungsstelle nimmt derzeit im Projekt „KlimaGesund“ Pilot-Kurorte in verschiedenen Regionen Baden-Württembergs unter die Lupe. Als Matzarakis neulich von einem Kurort gebeten wurde, einen Vortrag über das Thema „Klimawandel und Gesundheit“ zu halten, war neben dem Bürgermeister nur ein einziger Vertreter des Gemeinderats im Publikum. „Da frage ich mich schon, ob man das Thema dort ernst nimmt“, so der Professor.
Für Gesundheitsurlaubende sind der zunehmende Hitzestress im Sommer und die abnehmenden Kältereize im Winter nicht ideal, so Matzarakis. Auf der Basis der prognostizierten Klimabedingungen entwickeln die Forschenden Anpassungsstrategien. Als Beispiel nennt er die Orte im warmen Oberrheintal: „Sie müssen schauen, wie sie ihre Kur- und Reha-Gäste, die meistens älter und damit auch gefährdeter sind, vor der Hitze schützen können.“ Die Ideen werden passend zum Ort entwickelt und reichen von zusätzlichen Bäumen und schattigen Ruhemöglichkeiten im Kurpark über Sonnensegel an Plätzen der Innenstadt bis hin zur Fassadenbegrünung.
Der Naturpark Südschwarzwald beschäftigt sich schon seit 2014 intensiv in verschiedenen Projekten mit Klimaforschung und -anpassungen. Im Fokus stehen zwar die Land- und Forstwirtschaft, aber indirekt ist natürlich der Tourismus eingeschlossen: „Die idyllische Landschaft mit ihren Wäldern und Weiden ist ja der Grund, warum Gäste dorthin kommen“, erklärt Suzanne van Dijk vom Freiburger Unternehmen Unique Land Use GmbH, das die Projekte „Klimawandel und modellhafte Anpassung in Baden-Württemberg (KLIMOPASS)“ im Südschwarzwald durchgeführt hat. Dass es im Sommer weniger regnet und gleichzeitig die Vegetationsperiode früher beginnt und länger andauert, bereitet der Landwirtschaft Probleme. „Trockenheit auf den Weiden kann verringert werden, indem sie später und nicht zu tief gemäht werden“, erklärt Suzanne von Dijk eine der Anpassungsmöglichkeiten. Im Ackerbau müssen andere Arten wie zum Beispiel Hülsenfrüchte gepflanzt werden, die mit weniger Wasser besser zurechtkommen. „Auch der Wald wird sich wandeln“, sagt die Expertin, „weg von Tanne und Fichte hin zu Mischwäldern.“

Städte brauchen Aktionspläne

Mannheim wiederum ist eine der ersten Städte Deutschlands, die einen Hitzeaktionsplan erarbeitet hat. Dieser umfasst laut Pressereferent Kevin Ittemann Informationen wie eine Karte mit kühlen Orten und eine Broschüre mit Verhaltenstipps. Abläufe und Zuständigkeiten wurden mit dem Katastrophenschutz und dem Gesundheitsamt geklärt. Außerdem fördert Mannheim die Begrünung von Dach-, Fassaden- und Entsiegelungsflächen und gibt bei städtebaulichen Wettbewerben und auch bei Bebauungsverfahren vor, dass die Fassaden hell sein müssen, damit sie sich weniger aufheizen. Und nicht nur die Hitze steht im Fokus: Auch Maßnahmen zu Starkregen, Hochwasser und Sturm sind im Plan zu finden.
In einer Vorlesungsreihe hat sich Martina Shakya, Professorin an der Hochschule in Heilbronn und Leiterin des Studiengangs Nachhaltige Tourismusentwicklung, mit den Klimaanpassungen in Heilbronn beschäftigt. Sie werden fast alle Bereiche berühren: Zum Beispiel die Winzerinnen, die andere Rebsorten pflanzen, die Stadtplaner, die kühle Inseln schaffen und die Gärtnerinnen, die Grünanlagen mit Klimabeeten gestalten müssen. In letzteren wachsen Pflanzen, die mit Hitze zurechtkommen und zudem mit speziellem Mulch abgedeckt werden, damit sie nicht so schnell austrocknen. „Eines ist jedenfalls klar“, mahnt die Wissenschaftlerin, „wer jetzt noch nicht angefangen hat, ist schon zu spät dran.“

Der Beitrag unserer Autorin Claudia List ist eine gekürzte Fassung ihres Artikels in der jüngsten Ausgabe des Magazins „Tourismus Aktuell“. Darin informiert die TMBW zweimal im Jahr über aktuelle Trends und Entwicklungen im Tourismus. Das Magazin kann kostenlos heruntegreladen, bestellt oder abonniert werden.

Ansprechpartner für “Tourismus Aktuell”:
Dr. Martin Knauer
m.knauer@tourismus-bw.de



Autor(in): Tim Müller
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Projektmanager Kommunikation & Koordination
E-Mail: t.mueller@tourismus-bw.de


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