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„Ein Stempel für lange Zeit“

Im Dezember 2020 wurde in Baden-Württemberg die Gemeindeordnung geändert: Seither dürfen Beinamen wie Hessestadt, Schillerstadt oder Hölderlinstadt auch offiziell geführt werden. Was bringt das eigentlich und welchen touristischen Wert hat eine solche Zusatzbezeichnung?

Das Erstaunliche an der Schillerstadt Marbach ist, dass Schiller dort gerade einmal die ersten fünf Jahre seines Lebens verbrachte: von 1759 bis 1764. Eine Vielzahl weiterer Stationen säumte den Weg des großen deutschen Dichters: Ludwigsburg, Stuttgart, Mannheim, Jena, Weimar. Doch keine von ihnen ist so eng mit dem Namen Friedrich Schiller verknüpft wie sein Geburtsort Marbach am Neckar.
Das mag auch daran liegen, dass keine andere sich so sehr und exklusiv um das Andenken Schillers bemüht hat wie die Kleinstadt aus dem Landkreis Ludwigsburg. Schon seit dem frühen 19. Jahrhundert gibt es dort einen Schiller-Verein, 1859 wurde im Geburtshaus in Marbach ein Museum eröffnet, 1903 schließlich vom württembergischen König in der Geburtsstadt eine große Gedenkstätte eröffnet: das spätere Schiller-Nationalmuseum.
Bereits im 19. Jahrhundert hatte die Gemeinde auch begonnen, mit dem Begriff „Schillerstadt Marbach“ auf touristischen Postkarten zu werben. Es gibt Schulen, Gärten und Hallen, die nach Schiller benannt sind, die Kinder werfen Blumen an Schillers Geburtstag, die Aktivitäten des Stadtmarketingvereins sind mit dem Begriff Schillerstadt verknüpft und natürlich heißt auch die amtliche kommunale Homepage www.schillerstadt-marbach.de.
Mehr Identität geht nicht. Folgerichtig gehört Marbach am Neckar auch zu jenen 23 Kommunen in Baden-Württemberg, denen im Dezember 2021 vom Innenministerium das Führen einer Zusatzbezeichnung gewährt wurde. Nun darf der Begriff Schillerstadt auch ganz offiziell auf dem Ortsschild stehen.

Alleinstellungsmerkmal gesucht

Das war bis zum 2. Dezember 2020 nur Kurorten mit der Zusatzbezeichnung „Bad“ und den Universitätsstädten erlaubt. Per Landtagsbeschluss hat sich das nun geändert, sodass künftig auch eine Vielzahl weiterer Beinamen erlaubt ist, sofern eine entsprechende Begründung und ein Beschluss des Gemeinderats vorliegen.
Im Falle von Marbach war das ein Kinderspiel. Hier wurde eigentlich nur vollzogen, was dort seit über 100 Jahren Realität ist. In Calw im Nordschwarzwald liegt der Fall ganz ähnlich. Zwar war der Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse dort zu Lebzeiten recht umstritten, nach seinem Tod setzte aber eine regelrechter Hesse-Boom ein, mit einer Vielzahl von Veranstaltungen, Publikationen und der Eröffnung eines sehenswerten Literaturmuseums.
Auch hier kommt den Calwern ein glücklicher Umstand zugute: Zwar lebte Hermann Hesse lange Zeit am Bodensee und noch viel länger im Tessin in der Schweiz, doch trägt er da nicht mit jener Ausschließlichkeit zur Identität der jeweiligen Kommune bei. Man hat dort auch noch andere Themen, in Calw hingegen setzt man spätestens seit dem 125. Geburtstag des Dichters im Jahre 2002 voll und ganz auf Hermann Hesse.
Das hat erheblichen Einfluss auf die Außenwirkung: „Die Zielgruppe sind Externe, Gäste und Touristen“, sagt Stefanie Schweigert, Sprecherin der Stadt Calw. Wer auf Hesses Spuren reist, soll an Calw nicht vorbeikommen, bei Marbach und Schiller ist es nicht anders.
„Beinamen machen nur dann Sinn, wenn sie ein USP, ein Alleinstellungsmerkmal beschreiben“, sagt Torsten Kirstges, Direktor des Instituts für innovative Tourismus- und Freizeitwirtschaft in Wilhelmshaven. Tragen fünf andere Gemeinden den gleichen Zusatztitel, schwindet die Aufmerksamkeit entsprechend.
So nehmen in Baden-Württemberg gleich zwei Orte die Bezeichnung Donauquellstadt für sich in Anspruch (Furtwangen und Donaueschingen), zwei andere tragen den Beinamen Zähringergemeinde bzw. Zähringerstadt (Bräunlingen, St. Peter), alleine sieben Mal taucht die Zusatzbezeichnung „Hochschulstadt“ auf.

Vorsicht vor dem Trend

Das alles ist letztlich auch eine Frage der gewünschten Außenwirkung: Zwar wird die Zusatzbezeichnung Hochschulstadt kaum Urlauber anlocken, womöglich aber Studierwillige und Geschäftsreisende, wie der Tourismusforscher Dirk Schmücker vom Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) vermutet. Belastbare Zahlen dazu gibt es freilich nicht: „Das ist ein Feld, das bisher kaum beforscht wurde“, sagt Schmücker.
Fest steht nur, dass man sich auf lange Zeit festlegt, wenn man sich für einen offiziellen Beinamen entscheidet. „Man drückt der Stadt einen Stempel auf, dessen muss man sich bewusst sein“, sagt Tourismusforscher Kirstges. Die Gefahr dabei: Was heute in und modern ist, kann in ein paar Jahren bereits überholt sein.
So hat sich die Stadt Heilbronn 2019 entschieden, einen Antrag auf die Zusatzbezeichnung „Universitätsstadt“ zu stellen. Der alte Beiname Käthchen-Stadt, eine Anspielung auf das Käthchen von Heilbronn des Dichters Heinrich von Kleist, wird heute hingegen eher zurückhaltend verwandt. „Es ist seit Jahren kein Schwerpunkt mehr im Marketing“, sagt die Leiterin der Pressestelle, Suse Bucher-Pinell. Der Zeitgeist hat sich verändert und der Bekanntheitsgrad abgenommen: So wird zwar noch immer alle zwei Jahre eine Käthchen-Repräsentantin benannt, das Selbstverständnis ist aber einer modernen Interpretation der Rolle gewichen.
Die Gefahr also, dass Traditionen und Beinamen verstauben können, ist auch hier durchaus gegeben. Umso bewusster sollte eine solche Entscheidung getroffen und dann auch mit aller Konsequenz in die Tat umgesetzt werden. „Wenn man sich dazu entschließt, dann sollte das Label durchgängig gezeigt, genutzt und gelebt werden, sonst bleibt es inhaltsleer“, meint Kirstges.

Selfie mit Schiller

Ein Vorschlag des Experten ist dabei, gute Fotomotive zu schaffen unter dem Aspekt, dass Reisende sich davor fotografieren lassen und die Bilder weiterverbreiten. „Instagramability“ nennt er das. Wann immer ein Bild von Calw oder Marbach also im touristischen Kontext auftaucht, ist es am besten mit Hermann Hesse und Friedrich Schiller verknüpft.
Das Bild, das am häufigsten mit dem Namen Friedrich Hölderlin in Verbindung gebracht wird, ist das des malerischen gelben Turms am Neckarufer in Tübingen. Dort hat Hölderlin fast 40 Jahre gelebt, dort ist er auch gestorben. Trotzdem ist Tübingen nicht die Hölderlinstadt, sondern ganz offiziell Lauffen am Neckar. Seit Dezember 2021 trägt die Stadt diesen Beinamen.
In Lauffen wurde der Dichter 1770 geboren. Eine Tatsache, auf die man dort außerordentlich stolz ist. Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger ist Vorsitzender des Hölderlin-Freundeskreises in Lauffen und Vize-Präsident der Hölderlin-Gesellschaft in Tübingen. Letztere Stadt war die erste, die in Baden-Württemberg den Beinamen Universitätsstadt führen durfte. Hölderlin ist in Tübingen zwar ein wichtiges, aber eben längst nicht das einzige Thema.
Das wiederum ist die Chance für Lauffen, wo „sich in den letzten 20 Jahren in puncto Hölderlin viel getan hat“, wie Bürgermeister Waldenberger nicht ohne Stolz feststellt. Fehlt eben nur noch das zündende Bildmotiv, das dem Hölderlinturm in Tübingen Konkurrenz machen könnte. Womit wir wieder beim Thema Instagramability und der Selfie-Tauglichkeit der touristischen Motive wären.

Der Beitrag unseres Autors Andreas Steidel ist eine gekürzte Fassung seines Artikels in der jüngsten Ausgabe des Magazins „Tourismus Aktuell“. Darin informiert die TMBW zweimal im Jahr über aktuelle Trends und Entwicklungen im Tourismus. Das Magazin kann kostenlos heruntergeladen, bestellt oder abonniert werden.

Ansprechpartner für “Tourismus Aktuell”:
Dr. Martin Knauer
m.knauer@tourismus-bw.de



Autor(in): Tim Müller
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Projektmanager Kommunikation & Koordination
E-Mail: t.mueller@tourismus-bw.de


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