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Drehorte als Besucherattraktion

01.06.2023
©Quelle: (c) Marc Wilhelm, Fuchsrot Creative Media Production

Filmproduktionen können neue Gäste in einen Ort oder eine Region bringen. Wer zum Schauplatz werden will, kann sich an die Film Commissions in Baden-Württemberg und an Locationscouts wenden. Die Chancen steigen, wenn es vor Ort eine gute Infrastruktur gibt und man die Produktionsfirmen mit unkomplizierten Drehgenehmigungen unterstützt.

Das „Hüsli“ in Grafenhausen haben bereits 550 Millionen Menschen in 38 Ländern kennengelernt, wie die Schwarzwald Tourismus GmbH (STG) erklärt. Eine erstaunliche Zahl für ein Heimatmuseum. Allerdings waren diese Menschen nicht vor Ort, sondern haben es in der Serie „Schwarzwaldklinik“ gesehen: Das „Hüsli“, damals schon ein Heimatmuseum, diente darin als Wohnhaus von Professor Brinkmann. Die Filmklinik war auch im echten Leben eine Klinik und konnte von Fans nicht betreten werden. Das „Hüsli” aber verzeichnete seit Beginn der Serie mehr Besucherinnen und Besucher als zuvor. Noch heute, bald 40 Jahre, nachdem die erste Folge ausgestrahlt wurde, kommt der eine oder andere Fan der Schwarzwaldklinik vorbei.
Filmproduktionen können enorme Auswirkungen auf den Tourismus haben. Zunächst gibt es direkte Umsätze, wenn eine Filmcrew anreist und in Hotels übernachtet, Restaurants besucht, Catering bestellt, Autos mietet und mehr. Ein Vielfaches davon können allerdings die indirekten Effekte betragen: Die Reisenden, die wegen der Serie „Game of Thrones“ nach Nordirland gefahren sind, haben allein im Jahr 2018 für 61 Millionen US-Dollar an Wertschöpfung gesorgt. Aber auch Produktionen, die kein Welterfolg sind, haben ihre Wirkung: Die ersten Staffeln der Serie „Der Bergdoktor“ brachten Tirol eine Wertschöpfung von 32,5 Millionen Euro über einen Zeitraum von sechs Jahren ein, wie Filmtourismusexperte Stefan Rösch im Fachmagazin Public Marketing darlegt.

Der Schwarzwald lockt Filmgesellschaften

Filmproduktionen sind also durchaus hilfreich, wenn man neue Gäste gewinnen will. Und das ist kein Phänomen des 21. Jahrhunderts: Die Karriere des Schwarzwalds als Filmkulisse begann mit dem Film „Das Schwarzwaldmädel“, der ab 1950 über 14 Millionen Menschen in die Kinos lockte. Es folgten TV-Serien wie 1994 „Die Fallers“ und 2002 „Schwarzwaldhaus 1902“. Im Kinofilm „25 km/h“ (2018) fuhren Lars Eidinger und Bjarne Mädel durch die Schwarzwald-Landschaft. 2020 erschien bei Netflix die Serie „Biohackers“, die in Freiburg gedreht wurde und weltweit zu sehen war, und der Film „Wann kommst du meine Wunden küssen?“, seit Februar 2023 in den Kinos, spielt ebenfalls im Schwarzwald. Das sind noch längst nicht alle Produktionen, die Region ist ein gefragter Schauplatz. Dazu bieten die Black Forest Studios in Kirchzarten, in denen die für einen Oscar nominierte Dokumentation „Nawalny“ entstanden ist, seit rund zwei Jahren alles, was für große Produktionen notwendig ist.
Wie viele Gäste wegen eines Films oder eine Serie in den Schwarzwald reisen, dazu liegen der Schwarzwald Tourismus GmbH zwar keine genauen Zahlen vor, „der Schwarzwald verdankt aber viel von seiner Popularität den bewegten Bildern“, erklärt Hansjörg Mair, Geschäftsführer der STG.
Dabei muss es nicht immer die heile Welt des „Schwarzwaldmädels“ sein. Die SWR-Serie „Höllgrund“ von 2022 räumt mit Klischees auf und zeigt den Schwarzwald von seiner düsteren Seite. Dass nicht nur eine Neuverfilmung des Märchens Dornröschen Besucherinnen und Besucher anlockt, sondern ein Horrorfilm noch eine viel höhere Welle schlagen kann, hat man auf der Burg Hohenzollern erlebt. Der US-amerikanische Regisseur Gore Verbinski, bekannt durch „Fluch der Karibik“, drehte dort 2015 Szenen für seinen Kinofilm „A Cure for Wellness“. Schon während der Dreharbeiten erschien die Burg Hohenzollern in zahlreichen Presseberichten, erklärt Burgverwalterin Anja Hoppe. Die Burg war von Fans belagert, die einen Blick auf Stars wie Mia Goth, Dane DeHaan und Jason Isaacs werfen wollten. „Der Hype war groß, für uns war das perfekte Werbung“, sagt Hoppe, „noch zwei Jahre später kamen die Leute und wollten die Kulissen sehen, von denen wir ein Teil stehen lassen konnten.“

„Je nach Projekt kann man schon auf der Wegstrecke dafür werben, also in der Phase von der Vorproduktion über die Dreharbeiten bis zur Veröffentlichung“, sagt Jens Gutfleisch, Leiter der Film Commission Region Stuttgart, „die Burg Hohenzollern hat die Chance genutzt und sich gut vermarktet.“ Aufgabe der Film Commission ist es, Regionen für Filme attraktiv zu machen und Türöffner zu spielen. In Jens Gutfleischs Fall ist das der Raum Stuttgart, daneben gibt es sieben weitere Film Commissions in Baden-Württemberg.
Sie alle sind auf Filmfestivals und in Netzwerken vertreten und machen Werbung für den Standort. Außerdem unterhalten sie eine Datenbank, in die man seine Location eintragen kann. „Es gibt kein Patentrezept dafür, wie man zum Drehort wird, aber wenn man seine Stadt mal in einem Film sehen will, kann man gerne zu uns kommen“, sagt Gutfleisch.

Auf der Website der Film Commission Stuttgart findet man die Links zu allen weiteren Film Commissions in Baden-Württemberg. Außerdem gibt es dort Informationen zum Filmtourismus-Netzwerk. Daran beteiligen sich über 80 Gemeinden, in denen Tourismuspartner die Suche nach Locations unterstützen.

Heimatmuseum Hüsli Grafenhausen © Hochschwarzwald Touirsmus GmbH
Burg Hohenzollern © Black Forest Production GmbH

Heute Gasthaus, morgen Filmlocation

Die Film Commisson sucht selbst passende Drehorte, arbeitet aber auch eng mit Locationscouts zusammen. Wer eine Location hat, im Fachjargon der „Motivgeber“ genannt, kann auch direkt den Kontakt zu Scouts wie Birgit Hettich von der Agentur Watch Out in Stuttgart suchen. Sie hat schon Dörfer für den Tatort und andere TV-Serien aufgespürt und Drehorte in Baden-Württemberg für den Film „Mackie Messer – Brechts 3Groschenfilm“. Sie reist stets mit offenen Augen durchs Land und sammelt in ihrer eigenen Datenbank mögliche Locations. „Wenn sich eine Produktionsfirma bei mir meldet, mache ich mich auf die Suche nach einem Motiv, das dem Film entspricht, den der Regisseur im Kopf hat.“ Dabei geht es nicht nur um Burgen, Villen und malerische Dörfer: Manchmal wird ein Gasthaus, ein Wasserfall oder eine Waldlichtung gesucht.
Weitere Faktoren spielen eine Rolle, wenn man sich als Drehort ins Spiel bringen will. „Es ist immer gut, wenn eine Location unverbraucht ist und eine gute Infrastruktur hat“, sagt Jens Gutfleisch. Wichtig ist dabei, dass maßgebliche Personen, wie zum Beispiel der Bürgermeister oder die Bürgermeisterin, die Dreharbeiten unterstützen. Auch das Interesse der Bevölkerung müsse da sein, wie Birgit Hettich erklärt. „Im urbanen Umfeld wie in Stuttgart ist das oft schwierig. Da hagelt es schon deshalb Beschwerden, weil die Filmcrew so viele Parkplätze braucht.“
Hilfreich sind hingegen reibungslose Drehgenehmigungen und keine oder nur geringe Mieten für Gebäude, die der Gemeinde gehören, so Hettich. „Entgegenkommen ist wichtig und natürlich ist es auch schön, wenn eine Crew gute Konditionen im Hotel bekommt, wenn sie dort wochenlang wohnt“, sagt Gutfleisch, „aber es geht nicht darum, dass man als Location dafür bezahlt, dass gedreht wird.“
Fördergelder für eine Produktion kann es hingegen von der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg (MFG) geben. Die sind an die Bedingung geknüpft, dass für die Produktion das 1,2-Fache der Fördersumme auch in Baden-Württemberg ausgegeben wird. Allerdings ist das jährliche Budget des „FilmFernsehFonds Bayern“, der Film- und Medienstiftung NRW und des Medienboards Berlin-Brandenburg rund zweieinhalbmal größer als das der MFG. Die Konkurrenz ist also enorm, weltweit werben Film Commissions um Produktionen. Bei der Entscheidung für ein Land steht aber die schöne Location oft nicht an erster Stelle. „Wer einen Film finanzieren muss, schaut darauf, wer die besten Steueranreize bietet“, erklärt Filmtourismusexperte Stefan Rösch, „wenn man da nicht mitmacht, hat man kaum Aussichten auf wichtige Produktionen.“

Touristisches Potenzial auf Jahre hinaus

Eine touristische Organisation oder Region hat darauf keinen Einfluss. Aber sie hat es in der Hand, ob sie die Chance ergreift. „Großbritannien vermarktet die Filme sehr gut“, urteilt Jens Gutfleisch. Visit Britain bietet auf seiner Homepage eine eigen Film-und-Fernsehen-Seite an – mit Infos zu den Drehorten und Museen, Vorschlägen für Rundreisen „Auf den Spuren von …“ zu Harry Potter, Downton Abbey, Paddington und anderen Produktionen.
Bei „Der Bulle von Tölz“ suchten Fans anfangs vergeblich bei der Touristinformation nach Hinweisen über die Drehorte. Dort hatte man die Rechte an der touristischen Vermarkung anfangs nicht abgeklärt. Inzwischen gibt es aber eine Stadtführung und sogar ein Museum für den „Bullen“. In Baden-Württemberg hat Produzent und Schwabendlandfilm-Chef Frieder Scheiffele aus Dettingen lange Zeit selbst eine Tour zu den Schauplätzen seiner Serie „Laible und Frisch“ angeboten.
Im Schwarzwald wurden Filmkulissen bisher nicht explizit beworben oder als touristische Routen angeboten. Die Tourismusbeauftragten haben sich allerdings gemeinsam mit dem damaligen Bad Wildbader Bürgermeister Klaus Mack aktiv als Location für den Tatort ins Spiel gebracht. Mehr als hundert Stadtoberhäupter haben sich der Initiative angeschlossen,2015 fiel tatsächlich die Entscheidung zugunsten eines Schwarzwald-Tatorts. Und vielleicht gibt es dazu irgendwann mal eine Tatort-Führung, wie sie die Touristinformation Konstanz auf den Spuren der Kommissarin Klara Blum organisiert.
Die Region Wilder Kaiser in Tirol hat die Popularität der Serie „Bergdoktor“ gut genutzt und sich dabei auch vom Filmtourismusexperten Stefan Rösch beraten lassen: Gästen stehen mehrere geführte Touren zu den Schauplätzen zur Wahl. Es gibt Bergdoktor-Fantage und -feste, die Begegnungen mit den Schauspielerinnen und Schauspielern live vor Ort ermöglichen. Bei jeder Touristinformation ist außerdem eine Broschüre erhältlich, die all diese Angebote zusammenfasst. Um das zu erreichen und Fotos und Filmsequenzen für die eigene Werbung nutzen zu können, wie es in der Region Wilder Kaiser der Fall ist, muss man allerdings eng mit der Produktionsfirma zusammenarbeiten. Auch dabei kann die Film Commission die Locations beraten, wie Jens Gutfleisch erklärt.
Wer zur Filmlocation werden will, sollte auf jeden Fall vorbereitet sein. Denn wenn eine Produktionsfirma erst mal Interesse bekundet, bleibt oft nicht viel Zeit. Das hat auch Anja Hoppe von der Burg Hohenzollern erfahren: „Erst kam die Anfrage – und zwei Wochen später gingen die Dreharbeiten zu ‚A Cure for Wellness‘ auch schon los.“

Dieser Beitrag ist die gekürzte Online-Version eines Artikels unserer Autorin Claudia List aus der jüngsten Ausgabe des Magazins „Tourismus Aktuell“. Darin informiert die TMBW zweimal im Jahr über aktuelle Trends und Entwicklungen im Tourismus. Das Magazin kann kostenlos heruntergeladen, bestellt oder abonniert werden.

Ansprechpartner für “Tourismus Aktuell”:
Dr. Martin Knauer
m.knauer@tourismus-bw.de



Autor(in): Tim Müller
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Projektmanager Kommunikation & Koordination
E-Mail: t.mueller@tourismus-bw.de


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