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Sommerfrische für Araber

9. Juli 2018
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Jahrelang boomte der Tourismus mit Gästen aus den arabischen Golfstaaten. 2016 und 2017 waren erstmals spürbare Rückgänge zu verzeichnen. Daran ist vor allem der Gesundheitstourismus Schuld.

Von Andreas Steidel

Die Nachricht sorgte für Schlagzeilen: Das Städtische Klinikum Stuttgart blieb auf Forderungen in Millionenhöhe sitzen, weil Patienten aus dem arabischen Raum ihre Rechnungen nicht bezahlt hatten. Das einst lukrative Geschäftsfeld der Behandlung von Gästen aus dem Nahen Osten ist in der Landeshauptstadt nun fast zum Erliegen gekommen.

Was in Stuttgart mit einem großen Knall endete, ist auch in anderen Regionen in Deutschland und Baden-Württemberg kein Selbstläufer mehr: Der Gesundheits- und Medizintourismus, einst Wachstumsmotor für den Reiseverkehr aus den arabischen Golfstaaten, ist ins Stottern geraten.

Seit dort der Ölpreis eingebrochen ist, sind viele Geldquellen versiegt. So wurde die großzügige Erstattung von Gesundheitsleistungen im Ausland durch den Staat in einigen der Länder ganz eingestellt.

Überdies ist die Konkurrenz um zahlungskräftige Medizintouristen auf dem internationalen Markt groß geworden: So lassen sich immer mehr Menschen aus dem arabischen Raum in der Türkei oder in Osteuropa behandeln, viele der dort tätigen Mediziner wurden in Deutschland ausgebildet.

Entsprechend zurückgegangen sind die Gästezahlen aus den arabischen Golfstaaten in den vergangenen beiden Jahren: 2016 waren es in Baden-Württemberg 10 Prozent weniger Übernachtungen, 2017 nahm die Zahl nochmals um etwa 14 Prozent ab. Das ist nicht wenig angesichts eines Spitzenwertes von knapp 277.000 Übernachtungen im Jahr 2015 und einer Wertschöpfung, die außergewöhnlich hoch ist.

Überdurchschnittlich zahlungsfreudig

„Gäste aus den arabischen Golfstaaten geben im Schnitt das Doppelte aus“, sagt Lena Gerlich, zuständig für die Auslandswerbung der TMBW. Sie betreut den Markt der arabischen Golfstaaten, der etwa 40 Millionen Menschen umfasst und zu dem die Länder Bahrain, Katar, Kuwait, Saudi-Arabien, Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate zählen.

Zum Glück gibt es auch jenseits des Medizintourismus viele Gründe für sie, nach Deutschland und Baden-Württemberg zu reisen. Das fängt beim Wetter an, das in den Sommermonaten am Persischen Golf einfach unerträglich heiß ist. Wer es sich leisten kann, flüchtet in die Sommerfrische und genießt die vergleichsweise kühlen Temperaturen, den Regen und die Seen Mitteleuropas.

So sind in Baden-Baden von Juli bis September die Gäste aus den Golfstaaten die Nummer 1 bei den ausländischen Ankünften, noch vor Frankreich, der Schweiz und Russland. Umgerechnet auf die Übernachtungszahl stehen sie sogar ganzjährig an der Spitze. Das liegt auch daran, dass Araber überdurchschnittlich lange bleiben, zum Teil Wochen und Monate ein Hotelzimmer belegen.

Anspruchsvolle Gästegruppe

Dass es sich dabei um eine ganz besondere Klientel handelt, auf die man sich einstellen muss, bestätigt die Direktorin des Hotels 47 Grad in Konstanz. Nicht wenige von ihnen begleiten Angehörige, die in den nahen Schmieder-Kliniken in Konstanz behandelt werden. Sie bleiben Wochen oder Monate, „entsprechend flexibel muss man bei den An- oder Abreisemodalitäten sein“, sagt Bettina Blessing.

Flexibilität ist auch beim Room-Service gefragt: Die meisten arabischen Gäste schlafen gerne länger und es kann dauern, bis das Zimmer gereinigt werden kann. „Das kostet im Einzelfall auch mal einen Aufpreis“, sagt die Direktorin, der freilich von den Arabern gerne bezahlt wird.

Ihre Bereitschaft, entsprechende Übernachtungspreise zu bezahlen, ist hoch. Die Ansprüche sind es allerdings ebenso. „Sie wollen bedient werden und erwarten einen hohen Standard“, sagt Lena Gerlich von der TMBW. In den Zimmern müssen Wasserkocher, Bügeleisen, Mikrowelle und arabische Fernsehsender vorhanden sein.

Das ist nicht jedermanns Sache. Viele Hotels scheuen den Aufwand und haben Angst bei einer zu starken Präsenz arabischer Gäste, insbesondere wenn es sich um verschleierte Frauen handelt, ihr bisheriges Klientel zu verlieren.

Hotspot für arabische Gäste

Dabei sind derzeit die Chance besser denn je, Araber nach Deutschland und Baden-Württemberg zu locken. Denn das im Oktober 2017 ausgesprochene Burka-Verbot in Österreich könnte Auswirkungen auf den dortigen Tourismus haben. So hat sich in den vergangenen Jahren Zell am See zu einem Hotspot der arabischen Welt entwickelt. Durch gezielte Angebote und Werbemaßnahmen kamen jährlich bis zu 70.000 Gäste aus den Golfstaaten in den Ort im Salzburger Land, der sich zum Inbegriff des Urlaubsparadieses stilisierte.

Ob er das nach dem Burka-Verbot weiterhin sein wird, ist offen: „Vieles von dem könnten wir in Baden-Württemberg auch bieten“, sagt Lena Gerlich. Der Bodensee, der Hochschwarzwald sind landschaftlich ähnlich idyllisch. Stellt sich nur die Frage der Hotelkapazitäten und der Bereitschaft, einen solchen Schritt zu wagen.

Die TMBW bewirbt Baden-Württemberg in den arabischen Golfstaaten auf unterschiedliche Weise. Dazu gehört der Auftritt bei der wichtigsten Reisemesse Arabian Travel Market (ATM) in Dubai. Ferner werden gezielte VIP-Events und Business Dinner mit Handelspartnern und Pressevertretern veranstaltet. Auch eine neue Broschüre ist erschienen, mit deutlich geringerer Präsenz der Kliniken als in den Vorjahren.

Neue Chancen für Medizintourismus

Dass der Gesundheitstourismus aus den arabischen Golfstaaten am Ende ist, denken viele Experten freilich nicht. So glaubt Paul-Georg Friedrich-Schmieder von den Schmieder-Kliniken an eine Zukunft auf dem deutschen Markt. Sein Haus, spezialisiert auf neurologische Rehabilitation, hat nicht mit den massiven Rückgängen anderer Einrichtungen zu kämpfen.

Vor allem bei schwereren Erkrankungen sieht Friedrich-Schmieder Deutschland noch immer an der Spitze, „da reicht ein einzelner gut ausgebildeter Arzt nicht aus“. Noch immer sei das Preis-Leistungsverhältnis hierzulande besser als in der Schweiz oder in den USA, „und viele Araber schauen inzwischen mehr aufs Geld als früher“.

Auch Armin Dellnitz, Geschäftsführer von Stuttgart-Marketing, hat den Gesundheitstourismus aus den arabischen Golfstaaten noch nicht abgeschrieben. „Momentan halten wir erst mal still“, sagt er, „aber sobald sich unser städtisches Klinikum hier neu aufgestellt hat, werden wir wieder in die Werbung gehen“.

Zu attraktiv ist diese Klientel für die Hotels der Landeshauptstadt. Die meisten Araber kommen, wenn sie es irgendwie steuern können, in den Sommermonaten. Es ist genau jene Jahreszeit, wenn die Häuser aufgrund des nachlassenden Geschäftsreisetourismus leerer sind. „Ich hoffe, dass wir im Bereich Medizintourismus bald wieder etwas bieten können“, sagt Dellnitz, „bevor die Gäste langfristig in andere Städte ausweichen“.

 

Über diesen Text:

Der Beitrag unseres Autors Andreas Steidel ist eine Kurzfassung seines Artikels in der jüngsten Ausgabe des Magazins Tourismus Aktuell. Darin informiert die TMBW zweimal im Jahr über aktuelle Trends und Entwicklungen im Tourismus. Das Magazin kann kostenlos bestellt oder abonniert werden.

Ansprechpartner:
Dr. Martin Knauer
m.knauer@tourismus-bw.de


Autor(in): Martin Knauer
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Pressesprecher
E-Mail: m.knauer@tourismus-bw.de
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