Menü

Klimaschutz im Grünen Süden

Destinationen und Leistungsträger müssen sich nicht nur an den Klimawandel anpassen, sondern selbst einen Beitrag leisten, um das Klima nicht weiter anzuheizen – mit Reduzierung ihrer Essensabfälle, nachhaltigen Hotelzimmern, sanfter Mobilität oder durch eine Zertifizierung.

Der Tourismus verursacht nach Schätzungen etwa acht Prozent aller Treibhausgas-Emissionen, wie es in einem 2020 veröffentlichten Themenpapier des Umweltbundesamts heißt. Dabei geht der Löwenanteil des CO2-Fussabdrucks auf das Konto der Mobilität: Je nach Urlaubsform liegt er – mit ganz wenigen Ausnahmen – bei durchschnittlich 70 bis 80 Prozent, so Jürgen Schmude von der Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU). „Hier gibt es besonders große Einsparmöglichkeiten“, sagt auch Thomas Beyrer von der TMBW und verweist auf Angebote wie die Konus-Karte im Schwarzwald und die Albcard, mit der Übernachtungsgäste den ÖPNV kostenlos nutzen können. „Um mehr Menschen auf die Schiene zu bringen, ist für uns aber auch die Kooperation mit Bwegt sehr wichtig.“
Die Nahverkehrsgesellschaft Bwegt hat unter anderem den Wanderführer „Wandern mit der Bahn in Baden-Württemberg“ aufgelegt und verschiedene Kampagnen mit der TMBW organisiert. Mit „Bwegt Plus“ startet sie im Herbst ein Programm, das auch für Tagesgäste einen Anreiz zum Umsteigen schaffen soll: Wer seine Fahrkarte vorzeigt, erhält bei der Outletcity Metzingen, bei den Staatlichen Schlössern und Gärten und bei rund 200 weiteren Partnern einen Rabatt. Laut Axel Dürr, Projektleiter bei Bwegt, ein Programm, das es so in keinem anderen Bundesland gibt.
Allerdings sei ein Umdenken in den Köpfen aller Beteiligter notwendig: „Tourismusverbände sollten auch in Fotos und Filmen die ÖPNV-Infrastruktur zeigen“, nennt Dürr als Beispiel. Bei Veranstaltungen und Ferienprogrammen dürfe nicht der Parkplatz Ziel und Startpunkt sein, sondern ein Bahnhof oder eine Bushaltestelle. „Wichtig wäre es auch, auf den Webseiten die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln und nicht mit dem Auto an erster Stelle zu nennen“, sagt er. Weiter geht es mit den Wanderschildern: Sie gehören nicht nur in den Ort, sondern auch an den Bahnhof: „Ich muss dort sein, wo die Urlauber sind!“ Das Angebot müsse für Gäste einfach zu verstehen sein. Deshalb würde er die Busse als Regiobusse kennzeichnen. „Heute hat jeder Verbund seine eigenen Namen, das sollten wir vereinheitlichen.“

Lebensmittelabfälle einsparen lohnt sich

Über den ÖPNV, einen Abholservice für Gäste und das E-Mobilitätsangebot, das Urlaubende beispielsweise im Hochschwarzwald genießen, bieten sich viele Chancen, die Klimabilanz zu verbessern. Doch auch beim Essen gibt es Möglichkeiten: Wenn vorwiegend regionale Produkte genutzt werden, wie in den Schmeck-den-Süden-Betrieben, müssen sie nicht weit herangekarrt werden. Der bekannte Spitzenkoch Simon Tress verspricht in seinem Bio-Fine-Dining-Restaurant „1950“ in Ehestetten auf der Schwäbischen Alb sogar, dass alle Zutaten aus einem Radius von 25 Kilometern stammen.

Simon Tress in der Küche des Demeter & Bioland Fine-Dining-Restaurants 1950; Bildnachweis: Biohotel-Restaurant ROSE

Lebensmittelabfälle sind ein Bereich, der bisher noch selten beachtet wird. Wer sie reduziert, verringert auch CO2-Emissionen. „Im Schnitt können Hotels beim Frühstück 30 Prozent der Lebensmittel einsparen, obwohl sie dieselbe Vielfalt und Qualität anbieten“, sagt Torsten von Borstel, Geschäftsführer des Vereins „United Against Waste“ (UAW) in Plankstadt, der unter anderem schon die Mein-Schiff-Flotte der TUI unter die Lupe genommen hat. In den H-Hotels liegt die Einsparung sogar bei über 30 Prozent, wie Jürgen Schmieder erklärt. Er ist „Director of Food“ der Hotelkette, die auch zwei Häuser in Baden-Württemberg betreibt und von UAW beraten wurde.
Am Anfang steht die Messung der Abfälle: Wie viel entsteht in der Küche, was bleibt auf den Tellern der Gäste und was vom Buffet übrig. Auf dieser Basis werden die Einsparmöglichkeiten entwickelt, wie zum Beispiel kleinere Portionen: Sind die Brötchen kleiner, können die Gäste verschiedene Sorten probieren, ohne dass jeweils die Hälfte liegen bleibt. Wenn die Frühstückszeit fast vorbei ist, sollten nur noch kleine und keine großen Käse- und Aufschnittplatten aufs Buffet gestellt werden. Viele Stellschrauben sind es, die den CO2-Effekt sogar vervielfachen: Eingesparte Lebensmittel müssen nämlich gar nicht erst produziert, verpackt und transportiert werden. Und für Professor Schmude aus München widerlegt es das Vorurteil, „dass Nachhaltigkeit und Klimaschutz immer teuer sind, sie bieten nämlich auch viele Einsparpotenziale.“
Andere nutzen gezielt Einsparmöglichkeiten, um damit ein nachhaltiges Konzept finanzieren zu können, wie das „Koncept Hotel Neue Horizonte“ in Tübingen. „Die Gäste checken dort selbst ein, dadurch sind die Personalkosten geringer und geben Spielraum für Investitionen“, erklärt Pressesprecherin Sabine Dächert. So hat das Haus in Tübingen Solarpanels auf dem Dach, eine Wildblumenwiese vor dem Haus und Hotelzimmer, für die Handwerksbetriebe der Region beauftragt werden. Auch viele Kleinigkeiten machen dort den Unterschied wie zum Beispiel die Kapseln, mit denen sich Gäste im Zimmer ihren Kaffee zubereiten: Sie werden beim Unternehmen Rezemo in Waiblingen aus Sägemehl hergestellt und können anschließend kompostiert werden.

Die Vorreiter unter den nachhaltigen Hotels

Ein Pionier in diesem Bereich ist Klaus-Günther Wiesler, der seit Mitte der 1980er-Jahre die Umweltverträglichkeit im Blick hat und dessen Seehotel Wiesler am Titisee seit 2006 EMAS-zertifiziert ist. Mit eigener Photovoltaikanlage, Ökostrom und vielen anderen Maßnahmen hat es Wiesler geschafft, die CO2-Emmissionen stark zu senken, obwohl gleichzeitig die Übernachtungskapazitäten im Wellnesshotel um 40 Prozent gestiegen sind. Der Hotelchef hat gemeinsam mit einem Hersteller einen energiesparenden Wäschetrockner entwickelt und bemüht sich mit vielen weiteren Maßnahmen von den Mehrweg-Badeschuhen über die regionale Kosmetik bis hin zur eigenen Kompostmaschine für Küchenabfälle um Nachhaltigkeit.
Auch das Schwarzwald-Panorama-Hotel in Bad Herrenalb legt großen Wert auf Nachhaltigkeit und bietet seinen Gästen eine klimaneutrale Übernachtung und Green Meetings an. Der Umbau der Hotelzimmer, der 2023 ansteht, soll dort dem Cradle-to-cradle-Prinzip folgen, bei dem also „von der Wiege bis zur Wiege“ alle Materialien im Kreislauf bleiben. Vorstellbar sind dabei Teppiche aus Ozeanplastik oder Tapeten aus Graspapier, wie Stephanie Schießl erklärt, die im Haus für „Entwicklung nachhaltiges Bewusstsein“ zuständig ist. Für dieses Engagement hat das Schwarzwald-Panorama-Hotel schon viele namhafte Auszeichnungen bekommen: das GreenSign Level 5, den European Green Award 2021, die Bioland-Zertifizierung und es ist Gewinner des Wettbewerbs für verantwortungsvollen Tourismus „fairwärts“ von TourCert.
Das Stuttgarter Unternehmen TourCert zertifiziert außerdem deutschlandweit nachhaltige Reiseziele. Ausgangspunkt war das 2014 gemeinsam mit dem Land Baden-Württemberg entwickelte Pilotprojekt „Nachhaltigkeits-Check“. Mittlerweile sind unter anderem Bad Dürrheim, der Hochschwarzwald, der Nördliche Schwarzwald und die Insel Mainau zertifiziert. Das beliebte Ausflugsziel im Bodensee hat das Thema schon lange auf der Agenda: 1961 stellte Graf Lennart Bernadotte, der den Umgang des Menschen mit der Natur kritisch betrachtete, die „Grüne Charta der Mainau“ auf. Schon damals sah er ernsthafte Beeinträchtigungen der Umwelt und stellte konkrete Forderungen zu ihrem Schutz auf. Die Charta bildete die Grundlage des Bodensee-Manifests, das 1971 von Vertretern der Anrainer-Staaten beschlossen wurde. Seit dieser Zeit bemüht sich die Mainau GmbH um Nachhaltigkeit und wurde 1998 als erstes deutsches Tourismusunternehmen EMAS-zertifiziert. Ihr Engagement ist auch der Grund dafür, warum die Bodensee-Schiffsbetriebe in diesem Sommer ihre erste Elektro-Fähre auf den Namen „Insel Mainau“ getauft haben.

Zertifizierungen wirken

Karlsruhe ist ebenfalls auf dem Weg zum nachhaltigen Reiseziel. Für Karén Weber, Nachhaltigkeitsbeauftragte bei der Karlsruhe Tourismus GmbH (KTG), liegt der große Wert der Zusammenarbeit mit TourCert darin, dass viel Neues angestoßen und Ideen umgesetzt werden: „Alle Mitarbeiter bei uns haben angefangen, über das Thema nachzudenken, zu reden und selbst zu handeln.“ Ein wichtiger Schritt war auch die Gründung eines Nachhaltigkeitsrats, in dem verschiedene Bereiche vertreten sind, wie der Naturpark Schwarzwald, das Karlsruher Bio-Fine-Dining-Restaurant Erasmus und das Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Nun ist die KTG dabei, verschiedene Leistungsträger und Hotels mit ins Boot zu holen. Bewusst hat sich Karlsruhe, das mit dem Slogan „Grüne Stadt“ wirbt, für die touristische Zertifizierung entschieden. „Ein Urlauber sucht sich sein Ziel vielleicht nicht danach aus, ob es nachhaltig ist“, sagt Karén Weber. Allerdings stellt sie fest, dass Firmen ihre Geschäftsreisenden immer häufiger nur noch in zertifizierten Hotels übernachten lassen.

Hotelchef Klaus-Günther Wiesler vom Titisee ist ebenfalls davon überzeugt, dass seine Gäste die Ausrichtung schätzen, sein Haus als fairen Betrieb wahrnehmen, der sich vom schnellen Profit abhebt. „Nachhaltigkeit ist somit auch ein Wettbewerbsvorteil, so etwas wie die Kirsche auf der Sahnetorte“, sagte er bei der Videosprechstunde „TMBW-Branchentalk“.
Eine Entwicklung, die TMBW-Marketingleiterin Christine Schönhuber (zum Erscheinungstermin von Ausgabe 02/2022 von Tourismus Aktuell war Christine Schönhuber Marketingleiterin der TMBW, im Oktober 2022 hat Eleonora Steenken ihre Position übernommen, Anm. d. Red.) auch auf dem Auslandsmarkt sieht: „Die Green Meetings sind insbesondere in den USA gefragt.“ Und nicht nur im Business-Bereich spiele das Thema eine Rolle: Auch bei anspruchsvolleren Urlaubern aus Asien könne man mit Nachhaltigkeit punkten. Die TMBW schafft zwar keine eigenen Angebote. „Aber wir fördern sie, machen sie bekannt und bereiten sie auf unserer „Grüner Süden“-Seite für die Kunden auf, damit sie besser sichtbar sind.“

Der Beitrag unserer Autorin Claudia List ist eine gekürzte Fassung ihres Artikels in der jüngsten Ausgabe des Magazins „Tourismus Aktuell“. Darin informiert die TMBW zweimal im Jahr über aktuelle Trends und Entwicklungen im Tourismus. Das Magazin kann kostenlos heruntergeladen, bestellt oder abonniert werden.

Ansprechpartner für “Tourismus Aktuell”:
Dr. Martin Knauer
m.knauer@tourismus-bw.de



Autor(in): Tim Müller
Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg
Projektmanager Kommunikation & Koordination
E-Mail: t.mueller@tourismus-bw.de


Als PDF speichern
Seite Teilen Über:
Kommentare einblenden Kommentare ausblenden

Keine Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


Weitere Artikel